Essay:
Wann beginnt Zukunft?

Dieser Text ist aus Gesprächen mit Vergangen, Gegenwärtigen und Zukünftigen entstanden.
Begriffe wie Zeit, Liebe, Zukunft, Tod, Vergangenheit, Glauben und Leben sind universell. Man wird sie nicht so wirklich los. Sie tauchen immer wieder auf, wie der Regen, der gegen die Bushaltestelle vor dem Haus der Berliner Festspiele fiel. Nun ist die Bushaltestelle weg. Wohin soll der Regen?

Nur mit einem dieser Begriffe kann man Bücher und Theaterstücke füllen. Jedoch sind es Projektionen der eigenen Vorstellungen. Projektionen, die auf dem Erlebten basieren. Oftmals streifen sie nur die Bedeutung des Wortes. Die Bedeutung ist klein, kurz und aussagekräftig. Bedeutung von Begriffen ist (meistens) endgültig. Man muss sich einigen.
Die Bedeutung des Theatertreffen der Jugend ist keinesfalls endgültig. In der Jugend steckt die Zukunft, die Vergangenheit und das Jetzt. Eine Dreieinigkeit. Die Jugend ist kein Zeit-Punkt. Das Theatertreffen der Jugend ist ein Zeit-Raum zu einem bestimmten Zeit-Punkt. Viele der Teilnehmer des Theatertreffen der Jugend sind noch sehr jung. Vieles von dem, was sie heute erleben, werden sie erst in einigen Jahren ordnen können. Das ist gut so. Ein Zeit-Punkt, der anhält.

Vergangene erzählen, dass das ttj der Höhepunkt für ihre Gruppe war. Die meisten kommen von außerhalb und werden mit kleinen Schritten erwachsen, bis sie schließlich mit Bärten und eigenen Kindern wiederkommen. Jedes Jahr. Dann erzählen sie, wie wichtig das ttj für die Theaterlandschaft in Deutschland sei. Aber es gibt auch die anderen. Die erkannten, dass Theater zwar schön sei, aber nicht ihr Beruf werden könne. Die nüchterne Erkenntnis: Die einen sind verrückt nach Theater, die anderen mögen es nur.

Gegenwärtige verlieren das Zeitgefühl. Wer weiß schon, welcher Tag es ist, hier spielt das keine Rolle. Alltag ist etwas Anderes. Das ttj ist ein kleiner Kosmos, der eine ungeheure Anziehungskraft besitzt. Viele spielen zum ersten Mal vor einem fremden Publikum. Zum ersten Mal auf einer großen Bühne. Zum ersten Mal in Berlin.
Die Zukünftigen können schneller auf aktuelle Themen reagieren, als es den großen Theatern möglich ist, weil junge Ensembles und Theatergruppen zumeist kürzere Reaktionszeiten haben. Das liegt aber nur daran, dass das ttj nichts Perfektes verlangt. Perfekt ist es nur, dabei zu sein. Sich morgens zu treffen, in Workshops zu arbeiten, gegenseitig auszutauschen, Bekanntschaften zu machen und abends vor lauter Aufregung vor dem nächsten Tag nicht einschlafen zu können.

Alle Teilnehmer sind einer Meinung. Das Theatertreffen der Jugend ist unglaublich. Eine Faszination, ein Leuchten in den Augen, ein Glück in der Stimme. Man erfährt Bestätigung, Freude, Anerkennung, Kritik, Erkenntnis. Manche müssen sich entscheiden, ihr Leben zu entscheiden.

In der Zukunft kann man sich nicht verlieren. Man kann nur einen Umweg nehmen. Das Theatertreffen ist eine Art Kompass, der vielleicht nicht in die richtige Richtung zeigt, den man aber mitnehmen kann und mit dem man immer wieder eine grobe Orientierung finden kann.

34 Jahre gibt es das Theatertreffen der Jugend schon. Unzählige Begegnungen, vergessene Gespräche, erlebte Erfahrungen. Das ist Zukunft. Sie hat vor 34 Jahren begonnen.