Die Gefahr liegt in der Imitation

In der Parkaue-Inszenierung “Romeo und Julia” ging es vor allem um die Unmöglichkeit, als Jugendtheater so einen Klassiker auf die Bühne zu bringen. FZ hat nachgedacht und ist ins Gespräch gekommen, und stellt die ketzerische Frage: Sind Textrealisationen im Jugendtheater sinnvoll?
Bei den vielen Literaturverweisen, die das Heidelberger Ensemble in seinem Programmheft angibt, ist nicht ganz klar, ob wir da gestern eine Textrealisation von Christopher Krieses „ich bin nicht hamlet“, „ich bin hamlet“ und „bin ich hamlet oder bin ich’s nicht ist das ein titel oder ein gedicht“ gesehen haben, oder ob es sich bei der Inszenierung um eine große collagierte Adaption handelt. (Abgesehen davon, dass auch nicht ganz klar ist, ob es sich bei Krieses Texten um dramatische handelt.) Aber ansonsten ist die Lage klar: Sechs Abende voller Eigenproduktionen bis jetzt, woran auch nichts ändert, dass sich eine davon als „Romeo und Julia“-Inszenierung ausgibt. Ein Theaterfestival, das fast nur Eigenproduktionen zeigt – bildet das einen Trend ab oder eine Notwendigkeit?

Jury-Mitglied Maike Plath sieht durchaus einen Zusammenhang zwischen der Überzahl an Eigenproduktionen und der Festivalphilosophie des ttj: „Wir suchen hier ja Gruppen, die die eigene oder eine kritische Haltung auf die Bühne bringen.“ Für eine Eigenproduktion ist dieser Ansatz schon Grundvoraussetzung, bei Textrealisationen liegt der vielleicht weniger auf der Hand. Die Gefahr liegt in der Imitation. Maike Plath erzählt, es gebe auch Bewerbungen, die nicht nur versuchen, möglichst texttreu zu sein, sondern die sogar ganze Inszenierungen nachahmen. „Das ist dann einfach wahnsinnig langweilig.“

Und laut Plath auch gefährlich. Man könne die Tatsache nicht ignorieren, dass viele Schauspieler im professionellen Theater schlicht drei bis vier Jahre Schauspielausbildung hinter sich haben. Wenn man sich dann mit Stoff oder Inszenierung in den direkten Vergleich begebe, könne Jugendtheater leicht „defizitär“ wirken, sagt Plath. „Uns interessiert nicht, wie Schüler versuchen, Schauspieler zu sein.“

Auf diesen Punkt kommt auch Workshopleiterin Linda Waack zu sprechen. Für sie ist es wichtig, dass es nicht als Mangel behandelt wird, dass die Spieler beispielsweise keine ausgebildeten Sprecher sind, sondern dass man versucht, damit produktiv umzugehen. „Man legt dem Handwerk das Handwerk“, sagt sie. Und auch das sei laut Maike Plath ein Aspekt, der bei Textrealisationen oft zu kurz kommt: „Da werden die Jugendlichen dann oft nur als Schauspieler behandelt.“ Dabei sei doch das Tolle am Jugendtheater, dass die Spieler eher als ganzheitliche Künstler wahrgenommen werden, Künstler, die gleichzeitig Schauspiel, Dramaturgie, Bühne und Kostüm machen können.

Man kann im Jugendtheater einfach freier sein, mehr ausprobieren – ohne Berufshierarchie oder die Angst um das nächste Engagement. Eine besondere Freiheit ergibt sich im Jugendtheater auch daraus, dass es kein Abonnentenpublikum gibt, das es zu befriedigen gilt. Man kann sich relativ ungebunden fragen: Welche Themen bewegen uns? Mit welcher Sprache wollen wir uns ausdrücken? Warum also dann ein Stück finden, dass dem nur annähernd entspricht, wenn man auch eins selber machen kann, eben so, wie es einem gefällt. Bei Realisationen müsse man sich das Stück mit all seinen Überforderungsmomenten aneignen, sagt Linda Waack. Bei einer Adaption könne man zumindest die ganze Fremdheit der Vorlage ausstellen und einen Abstand dazu schaffen. „Deswegen münden auch so viele Textrealisationen irgendwann in Textadaptionen.“ Da stell sich doch die Frage: Ist nicht genau diese Fremdheit eines anderen Textes, die etwaige Komplexität eine Herausforderung? Wenn man sich an etwas abarbeitet, das eben nicht das Eigene ist – kann nicht gerade das zu neuen Gedanken, einer neuen Auseinandersetzung führen?

Auch Textrealisationen bzw. -adaptionen könnten spannend sein, sagt Jury-Mitglied Klaus Riedel. Dann müsse man sich auch gar nicht fragen, wie die Lebenswelt der Spieler auf das Stück zu adaptieren sei, wichtig sei nur, dass das Ensemble etwas mit dem Kernkonflikt anfangen könne. Es sei nur so schwer, passende Texte fürs Jugendtheater zu finden. Denn während man im professionellen Theater nach dem passenden Ensemble für ein Stück sucht, muss man im Jugendtheater natürlich oft nach dem passenden Stück fürs Ensemble suchen. Da brauche man Textvorlagen, die eher “Textflächen” seien, die nicht vollkommen durchdialogisiert sind, die eine „hohe Leerstellendichte“ aufweisen. So etwas sei in der Gegenwartsdramatik leichter zu finden als bei den Klassikern, und damit könne man dann viel anfangen.

Interessant ist: Bei der Frage, ob man sich für eine Eigenproduktion entscheidet oder für eine Textvorlage, scheinen auch vor allem praktische Entscheidungen eine Rolle zu spielen, denn gegen letzteres scheint rein konzeptionell erst mal nichts zu sprechen. Klar – es sollte etwas Eigenes entstehen. Aber man kann genauso gut aus einer Textvorlage etwas Eigenes machen wie aus einer Produktion, für die man von vorneherein den Text selbst entwickelt, selbst aus einem Klassiker. Denn dann könnte man versuchen, sich eben nicht nur am Text selbst abzuarbeiten, sondern auch an dem Diskurs, der sich schon um ihn rankt. Schließlich kann selbst der Vergleich mit anderen produktiv werden – wenn Jugendliche ganz selbstbewusst sagen: Das können wir besser! Ein bisschen Größenwahn gehört eben auch dazu.