Es kommt auf die
Herangehensweise an

Reportage zum Workshop „Crash-Regie für Angsthasen“ unter der Leitung von Sebastian Stolz

Sebastian Stolz leitet die Diskussion an

Ein Halbkreis aus 13 motivierten Jugendlichen sitzt dem Regisseur und Jurymitglied Sebastian Stolz gegenüber; die ersten beiden Stunden des Workshops sind bereits vorbei und die Gruppe ist längst über Vorstellungsrunden und Kennenlernspiele hinaus. Nach dem deftigen Mittagessen im Festspielhaus sind alle etwas träge, sodass Sebastian Stolz uns mit zwei lockeren Aufwärmübungen wieder auf Trab bringt, bevor der Workshop weitergeht – immerhin sollen die Teilnehmer innerhalb von vier Tagen erste Einblicke in die „andere“ Seite des Schauspiels erhalten und die Regiearbeit kennenlernen. Ich darf einen Nachmittag Mäuschen spielen.

Zuerst führen wir also ein Rhythmusspiel namens „Big Buddy“ durch, bei dem wir in einem großen Kreis stehen und uns immer wieder in neuer Reihenfolge anordnen. Dabei werden wir jedes Mal neu durchnummeriert; wer mit seiner Nummer angesprochen wird, muss diese instinktiv wiederholen und an einen anderen weitergeben. Das alles im gleichmäßigen Stampfrhythmus.

Danach stellen wir uns zu zweit gegenüber und bilden Assoziationsketten; beide Partner nennen gleichzeitig ein beliebiges Wort, um danach die erste Assoziation auszusprechen, die ihnen zum Wort des Gegenübers einfällt. Auch hier geht es um das richtige Timing und Multitasking, und nach einer Weile finden sich alle in das Schema ein.

Schließlich geht es endlich mit der eigentlichen Thematik des Workshops los:

„Was ist Regie?“

Diese Frage wirft Sebastian Stolz in den Raum und damit uns ins kalte Wasser. Er teilt uns in drei Vierergruppen ein und gibt uns fünf Minuten Zeit, um in einem gemeinsamen Brainstorming ein „Manifest der Regie“ zu verfassen. Fragen und Denkanstöße sind natürlich auch erlaubt, und mittlerweile ist allen klar geworden, dass der Begriff „Regie“ in der Theater- und Filmwelt zwar sehr geläufig, aber nicht immer klar definiert ist.
Alle diskutieren, einer schreibt mit, nach den versprochenen fünf Minuten bricht Sebastian Stolz ab und wir setzen uns wieder in unseren Halbkreis. Er selbst steht vorn und heftet einen mit „Regie“ beschrifteten Zettel an die Wand, um den herum wir nach und nach unsere eigenen Entwürfe positionieren sollen. Natürlich erst, nachdem wir sie einander vorgestellt und besprochen haben.
In dieser gemütlichen Runde bringt sich fast jeder ein, und die teilweise sehr großen Altersunterschiede zwischen den einzelnen Teilnehmern scheinen hinfällig: Es ist ein Gespräch auf Augenhöhe, nicht zuletzt dank der offenen und vertrauten Atmosphäre.

Was bedeutet

Die Diskussionsfreude wird immer größer. Mittlerweile ist jedes Regiekonzept, obwohl von uns selbst erarbeitet, mehrere Male hinterfragt worden. Dabei kommen Fragen auf, wie…

Wie viel Interpretationsspielraum muss Regie Schauspielern und Publikum lassen?
Darf Regie Intentionen suggerieren oder gar aufzwingen?
Gewinnt das Publikum neue Erkenntnisse durch unterschwellige Manipulation oder Argumentation des Schauspiels?
Wie viel Moral muss ein Regisseur mitbringen und in seine Arbeit einfließen lassen?

Sebastian Stolz gibt diese Fragen an uns weiter, bevor er selbst antwortet und durchsickern lässt, dass sich das meiste im Laufe der nächsten Tage vermutlich ohnehin klären wird. Wir sind gespannt.
Zumindest in einer Hinsicht sind sich schon einmal alle einig: Theater darf provozieren. Wenn dies durch neue Herangehensweisen oder die Darstellung von Tabuthemen geschieht, entwickelt Theater sich weiter.
Regie bedeutet allerdings auch Verantwortung, vor allem, wenn es um die Arbeitsethik des Theaters geht. Hier kommen erneut Fragen auf: Darf Theater die menschliche Würde antasten, sei es in satirischer Form?

Zuletzt teilen wir uns je nach Vorliebe in vier verschiedene Kategorien des Regieführens auf:
Fünf Ästheten, aus deren Perspektive Optik, Musik und Atmosphäre im Vordergrund stehen,
vier Philosophen, die zuerst nach Sinn und Zweck der Inszenierung fragen,
zwei Theoretiker, die sich am liebsten mit Konstruktion und Dekonstruktion im Theater beschäftigen,
zwei Abenteurer, die frei ins Theater eintauchen wollen und das Stück zuerst als Ganzes betrachten, bevor es analytisch in Einzelteile zerlegt wird.

Nun sollen wir aus der zuvor gewählten Perspektive Ideen und Material zum Thema „Laufen“ sammeln – eine große Herausforderung, die uns erneut aus unserer Bequemlichkeit herauslockt und uns dazu anregt, unsere eigene Kreativität auszuschöpfen. Für die anschließende Auswertung ist die Zeit leider zu knapp, allerdings ist morgen ja auch noch ein Tag.

Die Teilnehmer sind begeistert, fühlen sich sensibilisiert für das Potential ihrer Ideen, es gab viele Denkanstöße.
Dieser Workshop, sagt einer der Jugendlichen, habe seinen Blick geschärft und könne seine Kommunikation mit Regisseuren langfristig verändern.