Erkenntnisse aus dem magischen Theater No.1 – oder auch: Über Schein und Sein

Pablo, die Stimme aus dem Off, spricht zu mir: „Gibt es eine Zuschreibung, die dich besonders belastet?“ – „Nur eine?“, denke ich. Zuschreibungen bin ich täglich ausgesetzt. Ständig meinen irgendwelche Menschen zu wissen, wer, oder wie ich bin. Oder sie schließen, von dem, was sie an mir sehen, auf das, was ich sein könnte. Besonders skurril wird es allerdings, wenn sie dann auch noch, in der Gesellschaft verbreitete, Klischees in ihr Bild über mich mit hinein fließen lassen.

Mein äußeres Erscheinungsbild muss doch ein Indiz dafür sein, dass ich noch ein verspieltes junges Mädchen bin, welches in Phantasiewelten unterwegs zu sein scheint und infolgedessen wohl noch nicht als vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft gelten kann. Und der Name … Was ist das eigentlich für ein seltsamer Name, den ich da habe. Alice. Alice Pardeck. Ein Pseudonym? Ein Nickname? Ein Künstlername gar? „Wahrscheinlich ist das nicht einmal ihr wirklicher Name. Augenscheinlich braucht sie doch ganz viel Aufmerksamkeit, andernfalls wäre sie doch bei ihrem wahren Namen geblieben.“, wird spekuliert.

Doch was ist eigentlich, wenn Alice Parkdeck tatsächlich mein wahrer Name ist? Und ist ein Name nicht auch eine Zuschreibung, die andere (meistens die eigenen Eltern) für eine*n getroffen haben? Und überhaupt: Basiert nicht jede Meinung, jede Erkenntnis, jedes Wissen, das wir meinen zu haben, nicht eigentlich auf einem trügerischen Schein, der täuschend vorgibt, die Wahrheit zu sein?

Kluge Menschen, manchmal auch Liebhaber*innen der Weisheit (Philosoph*innen) genannt, haben oft ähnliche Antworten auf diesen Fragenkomplex: Die Wahrheit ist nur wenigen Menschen, die sich unabdingbar bemühen, diese zu durchdringen und dabei keine Mühen scheuen, sich immerfort Wissens- und Erkenntnisversuche anzueignen, zugänglich. Das meiste, was wir als Wahrheit titulieren, ist dabei bloß ein Schein, ein Sammelsurium eigener und fremder Erfahrungen, die eben Erfahrungen sind, jedoch keine Garantie dafür gewähren können, dass das, was wir wahrnehmen auch so sein muss, wie wir es wahrnehmen.

Erfahrungen verleiten uns meistens auch zu Zuschreibungen. Meistens. Im besseren Fall. Dann gibt es auch diese Fälle, in denen der eine, oder die andere von uns, blind irgendwelchen Rollenbildern vertraut, oder gar dazu verleitet wird, diese auf ihre*seine Mitmenschen zu projizieren. Und dann? Ja, was tut man denn dann, wenn man einer solchen Projektion begegnet? Was tue ich in einem solchen Fall?

Vielleicht einen Ausweg, einen Ort der Denk- und Atempause suchen? Durch die Hasenröhre gekrabbelt, stehe ich also nun im magischen Theater, in der Hoffnung, hier diese Denkpause zu erlangen. Ich schaue mich an. Im verzerrten Spiegel. Sehe mein verzerrtes Ich. Ein Ich, welches vor lauter Zuschreibungen, völlig destruiert scheint. „Hier im magischen Theater hast du nun die Möglichkeit, dein Gesicht mit einer revolutionären Bemalung zu versehen und alsdann einen Befreiungsschrei auszustoßen, um dich von den Zuschreibungen, die dich belasten, zu befreien.“, höre ich Pablo – die Stimme aus dem Off, die Stimme meines verzerrten Spiegelbildes – sprechen.

Das werde ich tun. Mich befreien. Und dann – durch die Hasenröhre wieder zurück zur Realität krabbelnd – empowert weiter machen. Zuschreibungen werde ich nicht aus der Welt schaffen können. Aber wie ich mit ihnen lebe und umgehe, das kann ich glücklicherweise immer noch selbst bestimmen.

Mit welchen Zuschreibungen die Teilnehmer*innen des diesjährigen Theatertreffens zu kämpfen haben und ob/wie ihnen das magische Theater verhilft, diese zu überwinden – das erfahrt ihr dann ab morgen.

Macht es gut und bleibt so, wie ihr sein wollt,

Eure Alice Parkdeck