Einzelteile jagen

„Das Phantom von Uruk “ beeindruckt mit Bühnenbild, Tanznummern und Chorszenen, vergisst aber beim vielen Aufzählen das Erzählen. Von Ansgar Riedißer

Ich kann nie alle Aspekte eines Theaterstückes wahrnehmen, weil mein Vorwissen begrenzt ist, weil ich nicht immer schnell genug bin im Kopf. Trotzdem setzt sich das, was ich wahrnehme, im besten Fall in meinem Kopf zusammen zu einem Impuls, den ich vorher noch nicht kannte.

Bei „Das Phantom von Uruk“ der Theater-AG „Die Eleven“ aus Niesky fällt es mir schwer, einen solchen Impuls mitzunehmen. Zu viele kleine Teile konkurrieren in meiner Erinnerung, zu viele verschiedene Musikstücke, Bilder, popkulturelle Referenzen und Metakommentare sind mir im Gedächtnis geblieben. Ich bin nur noch damit beschäftigt, Einzelteile zu jagen.

„Das Phantom von Uruk“ nimmt Motive aus dem Gilgamesch-Mythos zum Anlass, über Themen aus dem Leben der Spielenden nachzudenken: Was macht eine*n gute*n Freund*in aus? Was eine*n gute*n Herrscher*in? Was könnte man mit unbegrenzter Macht ändern? Allerdings geht es nur am Rande um die Antworten der Spielenden. So wie es kurz und beiläufig um Donald Trump geht, und um Sex und um den Sinn des Lebens und das Verhältnis von Männern und Frauen. Einen Kern, der all diese Themenfelder zusammenhält, kann ich nicht erkennen. Sie werden kurz aufgerufen und verschwinden dann wieder, ohne dass sie zu Ende gedacht werden.

ZEMENTIERTE GESCHLECHTERROLLEN

So breit wie das Spektrum der Themen ist auch das der eingesetzten Mittel: Es wird gerappt und gesungen, in eine Videokamera gesprochen, eine Nachrichtensendung inszeniert. Metakommentare zum Stück („Wie geht ́s dennjetzt weiter?“) wechseln sich ab mit Erzählerstimmen aus dem Off, Chorszenen und allgemeinen Betrachtungen über das Leben als Bühne. Dazu kommt Musik aus allen möglichen Epochen und popkulturelle Anspielungen vom Joker aus der Batman Filmreihe bis hin zur Selbstanpreisung von YouTuber*innen.

Dass ich ins Aufzählen verfalle, wenn ich über das Stück schreibe, liegt an meinem Eindruck, dass auch die Inszenierung nicht viel mehr tut als aufzuzählen. Dabei bleiben einige Themenfelder ungenau und vage. Es wird beispielsweise immer wieder ironisch über das Verhältnis von Männern und Frauen gesprochen, die sich gegenseitig als „haarige Biester“
bezeichnen. Eine tatsächliche Reflexion darüber findet aber nicht statt: Die beiden männlichen Spielenden sind in Grün, die weiblichen in Rot gekleidet. Selbst als sich die beiden Jungs Perücken überziehen, bleiben sie in dem, was sie sagen, in Geschlechterklischees verhaftet: Sie sprechen über Call of Duty und Fifa. Es scheint, die Geschlechterrollen in diesem Stück sind zementiert.

Sehr beeindruckt haben mich die Darsteller*innen. Mit großer Bühnenpräsenz meistern sie Tanznummern, Gesangseinla-
gen und Chorszenen; zwischen den Mitgliedern des Ensembles ist großes Vertrauen spürbar. Einige der Szenen sind visuell beeindruckend, etwa wenn die klassische Schutzmantelmadonna nachgestellt wird, ein christliches Symbol für den Schutz der heiligen Maria. Überlebensgroß mit einem goldenen Heiligenschein und ei-
nem blauen Mantel, unter dem alle Spielenden Platz finden. Ein unerwarteter Moment der Erhabenheit mit einfachsten Mitteln.