Einige von uns mögen’s…

Ein Protokoll

Vier Tage verbrachten die Festivalteilnehmer in sieben verschiedenen Workshops, heute fand im Festspielhaus eine abschließende Workshop-Präsentation statt. In eineinhalb Stunden zeigt jede Gruppe die Resultate seiner Arbeit; entweder in darstellerischer Form, als Hörspiel oder Video.

Zuerst kommen die Teilnehmer des Workshops „Get Over It“ von Anna Wille und Julia Gräfner auf die Bühne und formieren sich in einer Reihe, jeder dem Publikum zugewandt. Es geht um Grenzüberschreitung, und abwechselnd sprechen verschiedene Jugendliche ein Bekenntnis aus. „Einige von uns sind ziemliche Arschkriecher“, heißt es zum Beispiel, oder „Einige von uns mögen’s heiß und fettig“. Wer sich identifizieren kann, tritt einen Schritt vor, andernfalls verharren die jungen Schauspieler in ihrer Position oder machen sogar einen Schritt rückwärts. Danach wird die strikte Formation aufgelöst und die Workshop-Teilnehmer verteilen sich ungeordnet auf der Bühne. Nacheinander ruft ein jeder „Egozentrikus“ und führt eine seiner Meinung nach egozentrische Aktion aus, um eine persönliche Grenze zu überwinden. So werden beispielsweise fremde Hintern angefasst, zwei Schauspielerinnen küssen sich, eine singt den Titelsong der Kinderserie „My Little Pony“ vor. Mehrmals wird auch das Publikum involviert: Ein Mann wird grundlos beschimpft, ein Junge grundlos angespuckt. Begleitet wird das Prozedere von staunenden und erschrockenen Ausrufen der Schauspieler: „Krass!“
Am Ende versammelt sich die Gruppe erneut und spricht teils allein, teils im Chorus einen vorformulierten Text, dann wird ein Zuschauer als Gewinner auserkoren – nur wofür? Get over it!

Als nächstes präsentiert der Workshop „Bigger than Life“ unter der Leitung von Ragnhild Sørensen und Julia Wolf das erste von vier produzierten Hörspielen; die Teilnehmer selbst allerdings bleiben im Publikum. Der Fokus liegt nur auf dem Hören. Es geht um einen kleinen Jungen, der Menschen ermordet und sich als Belohnung Eiskugeln verdient.

Nach diesem ersten Hörspiel ist der Workshop „Körper tauschen“ von Alexander Riemenschneider und Christa Pfafferott an der Reihe. Auch hier positionieren sich die Jugendlichen in einer Reihe frontal zum Publikum, setzen sich jedoch auf Drehstühle und führen den Großteil der Präsentation auch im Sitzen durch. Im Workshop haben die Teilnehmer Gespräche u. a. mit einer Prostituierten, einem Kleinwüchsigen und Zwillingen geführt und reproduzieren diese nun auf der Bühne. Berührende Passagen aus den vorangegangenen Interviews werden rezitiert. Zum Schluss wird eine Audiodatei eingespielt, in der eine Neunzigjährige Antwort gibt auf die Frage: „War früher wirklich alles besser?“ „Nein“, erwidert die Stimme aus dem Off, „die Zeit ist immer anders, und es kommt darauf an, was man daraus macht“.
Mehr über den Workshop „Körper tauschen“ folgt in Kürze von Susi Romanowski.

Anschließend wird das zweite Hörspiel des Workshops „Bigger than Life“ eingespielt. Jetzt geht es um ein Kind, das zum Vaterbesuchstag in seinem Kindergarten an Sankt Martin seine Großmutter mitbringt, weil es nur mit Mutter, Tante und Großmutter zusammenwohnt. Dafür bekommt es von den Erziehern Rüpel und von den anderen Kindern seltsame Blicke zugeworfen.

Schließlich kommen die Teilnehmer des Workshops „Don’t worry – move“ auf die Bühne und führen eine Tanz-Performance auf, die sie in den vergangenen Tagen mit den Leitern Mirjam Bührer und David Speiser erarbeitet haben. Mit ihren Körpern kreieren die Schauspieler berührende Bilder; trotz der vielen Bewegungen geht von ihnen eine unglaubliche Ruhe aus.

Nach der Tanzpräsentation erklingt das dritte Hörspiel. Dieses Mal geht es um das „Regelnbrechen“, dem sich der Protagonist strikt entzieht und sich letzten Endes mit einem Dasein als „Spießer“ begnügt.

Danach kommen die Teilnehmer des Workshops „Crash-Regie für Angsthasen“ von Sebastian Stolz nach vorn und inszenieren zuerst einige Szenen. Jeweils eine Person führt Regie und gibt den Schauspielenden Anweisungen, danach werden zwei Fassungen einer Sequenz aus Shakespeares „Sommernachtstraum“ als Film auf eine Leinwand projiziert, die die Gruppe zuvor aufgenommen hat; im wahrsten Sinne des Wortes unter Eigenregie.

Das vierte und letzte Hörspiel wird abgespielt: Mehrere Protagonisten entscheiden sich, nach dem Abitur eine gemeinsame Wanderung zu machen, weil sie wenig Geld für große Reisen haben und dennoch etwas erleben möchten.

Als vorletztes präsentieren die Teilnehmer des Workshops „Improvisation und Spiel“ von Bernhard Meindl ihre Arbeit. Das Publikum darf verschiedene Wörter als Impulse vorschlagen, die Jugendlichen improvisieren nach Belieben und bauen durch sich selbst immer wieder neue Szenen auf: Es gibt zum Beispiel ein Krankenzimmer, es gibt Kannibalen, einmal stellen die Jugendlichen Getränke dar, ein Schauspieler verwandelt sich in ein Taschentuch. Jede Szene wird nach und nach aufgebaut; ein Schauspieler beginnt, der nächste ruft „Freeze“, sobald er einspringen möchte und führt das Bild schließlich weiter.

Zum Abschluss führt der Workshop „RECLAM GOES CELLULOID: Klappe die Vierte!“ von Hannah Dörr und Jan Koslowski drei Kurzfilme vor, in denen „Die Nibelungen“, wie ein Teilnehmer zu Beginn erklärt, „sehr, sehr, sehr, sehr frei interpretiert und verarbeitet werden“. Während sich die ersten beiden Kurzfilme sich einander aufgrund des Konzepts sehr ähneln – aussagekräftige Bilder, die viele Assoziationen auslösen und ohne Sprache auskommen – stellt der dritte Kurzfilm einen humorvollen Stilbruch dar, da hier nach dem Vorbild der Sendung „Familien im Brennpunkt“ gearbeitet wird: Ungewöhnliche Namen wie „Sean-Pascale“, „Kimberly“ oder „G“ machen gemeinsam mit der abstrakt-abstrusen Situation (Sean-Pascale betrügt Freundin Kimberly mit Freundin von Schwager G, weil letzterer impotent ist) den Witz des Kurzfilms aus.

Am Ende der Vorstellung werden die Workshop-Leiter auf die Bühne gebeten; jeder erhält als Dankeschön eine Rose. Anstatt die Blumen zu behalten, werfen die Leiter ihre Rosen gleichzeitig ins Publikum – eine wunderbare Geste, die sagen will:
Nicht nur ihr hattet Spaß, sondern auch wir!

Foto: David Holdowanski