Einfühlung in einen Tyrannen

Mit „Caligula” entführen uns die Jungen Prinz*essinnen vom Prinzregententheater Bochum in eine Welt aus Gewalt, Hass und einer von Anfang an zum Scheitern verurteilten Sinnsuche.
Von Philipp Neudert.

Der Kaiser ist verrückt. Er interessiert sich weder für Regierungsgeschäfte noch für Verschwörungen gegen sein eigenes Leben. Er will nur das Unmögliche, er will den Mond in seiner Hand halten – ein offensichtlich sinnloses und unnützes Vorhaben und eine Chiffre für das absurde Aufbegehren des Menschen gegen sein Schicksal. Caligula fantasiert von der Unsterblichkeit und Gleichheit aller Menschen und ordnet doch zugleich Hinrichtungen an, ohne zu zögern. Schließlich nimmt der Wahnsinn des Kaisers Überhand. Er will ein Bordell einrichten, in dem derjenige, der es am häufigsten besucht, einen Orden erhält. Wer jedoch keinen erhält, soll hingerichtet werden. Am Ende kommt es, wie es kommen muss: Verschwörer erreichen Caligula, um ihn zu töten. Mit einem dramatischen “Noch lebe ich!” verabschiedet sich der verrückte Kaiser.  

Der Caligula dieser Inszenierung trägt einen roten Mantel, der meist offen steht. Die Würde eines Kaisers wird dadurch direkt mit seiner zunehmenden Verwilderung verknüpft. Nicht der historische Kontext noch das politische Ränkespiel, sondern der Charakter des verrückten Kaisers stehen in dieser Inszenierung im Vordergrund. Dialogische Szenen wechseln sich mit tänzerischen ab. Immer wieder sehen wir Caligula, wie er mit unsichtbaren Gegnern zu kämpfen scheint, über sie triumphiert, von ihnen zu Boden gerungen wird. Vivaldis vier Jahreszeiten, die Frühling, Sommer und Herbst seiner Herrschaft zum Ausdruck bringen,  rahmen die Inszenierung.

An der Seite des Kaisers steht Helikon, ein ehemaliger Sklave, dem Caligula ein hohes Amt anvertraut hat. Helikon verachtet die Tugend der Höflinge und die Mittelmäßigkeit derer, die – im Gegensatz zu ihm – weder gelitten noch etwas riskiert haben, sondern einfach nur glücklich sein wollen. Caligula, den nur das Unmögliche reizt, hat für dieses Glück ebenfalls nur Verachtung übrig. Im Grunde haben hier zwei Menschen Macht über die Gesellschaft gewonnen, aus der sie eigentlich ausgestoßen sind – Helikon durch seine Herkunft, Caligula durch seine Sehnsucht nach Sinn in einem sinnlosen Universum.

Die Bühne als Käfig Caligulas

Diesen Konflikt verdeutlichen die Prinz*essinen mithilfe mitreißender Tanzszenen und spannungsgeladenen Dialogen. Die Bühne, die auf vier Seiten von Publikum umgeben und mit vier beleuchteten Stäben abgegrenzt ist, erscheint oft wie ein Käfig, in dem Caligula eingesperrt ist wie in seine Zwangsvorstellungen.

Die Hitze im schlecht belüfteten Theaterraum ist quälend. Aber sie trägt auch dazu bei, die Intensität des Stückes zu steigern. Viele Zuschauer*innen fächern sich mit Blöcken, Eintrittskarten oder Ausgaben der Festivalzeitung Luft zu. Viele werden wohl die Inszenierung als zu lang empfunden haben für ein Stück, dessen tragischer Ausgang im Grunde von erster Sekunde an feststeht. Doch das gibt dem Publikum Zeit, sich frei von moralischer oder politischer Kategorisierung in den Geist eines Menschen einzufühlen, der den meisten von uns wohl unnahbar und und unvertraut erscheint.

Am Ende meine ich, Caligula (und auch seine Gegenspieler) auf eine tiefere Art zu verstehen, als es durch bloße Reflexion über die Idee des Absurden gelingen könnte. Wir tauchen ein in die subjektive Wirklichkeit eines letztendlich einsamen und kranken Geistes, und gehen darin für die Dauer der Inszenierung verloren. Während wir dieses brutale Stück sehen, gehen Fragen der Rechtmäßigkeit und Moral vergessen. Bewusst lässt die Inszenierung den politischen Aspekt der Gewaltherrschaft Caligulas aus, vergleicht Caligula dankenswerterweise nicht mit autoritären Herrschenden der Gegenwart. Das macht den Realitätsverlust im Theaterraum hinnehmbar und Caligula zur beeindruckenden Demonstration eines tyrannischen Geistes.