Eine Mischung aus Women’s March und Sexualkundeunterricht

Die CHICKS* haben ihr Publikum angeschrien, angeflirtet und zwangsgefüttert, sie haben eindrucksvolle Zeichen gegen das Patriarchat gesetzt. Und doch gelang es dem Ensemble nicht, die Energie auf die Zuschauer*innen zu übertragen. Von Rebecca Heims

Die Performance der Gruppe CHICKS* aus Bremen beginnt exklusiv: Es werden nur wenige Karten verkauft, die Performance wird zwei Mal hintereinander gezeigt, die Warteschlange vor dem Einlass ist lang, das Publikum darf den Weg zur Seitenbühne über die Hinterbühne nur in 20er-Gruppen betreten.

Vier feuchte Hände ziehen mich zu Beginn der Performance durch einen Spalt aus schwarzem Stoff. Die Darsteller*innen reichen mir Liebeskugeln aus Schokolade und ich werde aufgefordert, eine aufgeschnittene Kiwi zu berühren, bis ich schließlich durch eine faltige Öffnung, die den schwarzen Stoff mit Metall zurückhält, auf die Bühne trete. Die einströmenden Zu- schauer*innen laufen durch den in Nebel getauchten Raum, in dessen Mitte mehrere Becken platziert sind.

Die Becken sind unterschiedlich dekoriert. Eines ist mit Kuscheltieren gefüllt, das andere mit Perücken, eines sieht aus wie ein Schwimmbecken. Die im Raum verteilten Darsteller*innen flüstern Monologe über Scham. Dann steigen Spieler*innen aus den Becken empor, verkleidet als Allegorien diskriminierender Frauenbilder: Perückenmonster, Meerjungfrau, Barbiepuppe, Muskelprotz. Sie sprechen wiederholt und eindringlich über Frausein, Sexismus, Body Image.

Bald provozieren und bedrängen die Spieler*innen das Publikum: Eine von ihnen läuft mit einem großen Pott Nudeln herum und nötigt Zuschauer*innen, davon zu essen. Die Figur im Muskelprotz-Kostüm flirtet exzessiv Zuschauer*innen an. Das Kollektiv drängt die Zuschauer*innen in die passive Rolle, durchbricht Grenzen und legt dadurch patriarchale Machtverhältnisse offen.

DER GROLL SOLL SICH AUF DAS PUBLIKUM ÜBERTRAGEN
Der Groll über die Unterdrückung der Vulva soll sich auf das Publikum übertragen. Mit starken Stimmen dekonstruieren die Darsteller*innen sexistische Vorstellungen darüber, wie der weibliche Körper auszusehen hat. In Gesängen und Chören eignen sie sich Sätze der Unterdrückung an und weisen sie von sich: „Ich bin sauber“, „Ich rasiere mich an allen Stellen“, „Ich soll mich zurückhalten, Ich soll schön sein, Ich soll ruhig sein“.

Die Darsteller*innen formulieren Vorwürfe an die Wissenschaftsgeschichte, die sie dem Publikum entgegenschreien. Das Publikum wird damit zum Vertreter einer unterdrückenden Gesellschaft. Das Ensemble erzählt von Forschern wie Sigmund Freud, die Frauen als „hysterisch“ pathologisierten, von sexistischem Biologie-Unterricht in der Schule. Dabei tritt das Ensemble immer näher an das Publikum heran, bis es den Zuschauer*innen fast auf den Füßen steht.

Am Ende aber scheitert das Kollektiv daran, ihre Energie auf die Zuschauenden zu übertragen. Den Höhepunkt des Stücks soll eine Party bilden, in der Ensemble und Publikum in einer selbstgebauten Vulva den Sieg des Feminismus feiern und gemeinsam Kuchen essen. Doch es scheint, die Zuschauer*innen machen da nur anstandshalber mit, anstatt wirklich zu feiern.

Es verbreitet sich das Gefühl, die Energie ist raus. Das offenbar erwartete Triumph-Gefühl tritt nicht ein. Es scheint, für das Publikum waren die Standpunkte nichts Neues, die scheinbaren Tabubrüche keine Überraschung. Als ich die Seitenbühne verlasse, bleibt bei mir nur: I got your point, aber bin ich die richtige Zielgruppe?