Ein unbewältigter Koloss

Gelbes und orangenes Licht streift die weiße Rückwand der Bühne während der Preisträgerlesung, ein dreistündiger Sonnenuntergang. Fixiert man zu lange einen Punkt, dunkelt die Fläche von den Rändern her ein und Mitternachtsblau driftet in die Szenerie.

Alle 21 Textbeiträge anzuhören, ist eine Überforderung, nicht nur wegen der schieren Anzahl der Texte, auch weil es kaum eine Möglichkeit zur Distanz gibt. Kein Hinein- oder Herausinterpretieren aus dem Text, kein Mehrfachlesen und wenig Zeit für Reflexion, denn schon kommt das nächste Gedicht, das nächste Prosastück. Dazu Husten, Handyklingeln, klickende Kameras, wispernde Silhouetten in den vorderen Reihen.

Ich kritzle unleserliche Sätze in mein Notizbuch. Ständig falten sich neue Szenerien auf, halbvertraute Ideen kommen zurück und fallen übereinander her. Hartnäckig halten sich einzelne Formulierungen im Kopf und schieben sich vor die folgenden Texte, bis sie abgelöst oder überlagert werden.

In ihrer Ansprache hat Christina Tillmann von den Berliner Festspielen von Filterblasen gesprochen, die uns in Sicherheit wiegen, bis wir plötzlich aufwachen und die Welt eine andere ist.

An diesem Abend scheinen die Wände dieser Filterblasen, in denen ich nicht nur in sozialen Medien lebe, durchlässiger zu sein, eine Information, ein einzelner Satz, eine Metapher wechselt den Ort.

Die Lesung wirkt am Tag darauf wie ein einziger, langer Moment, in dem sich die verschiedenen Stimmen zu einem Rauschen überlagern, immer wieder tauchen überscharfe Bilder auf. Dieser Erinnerungsrausch setzt sich aus vielen Eindrücken zusammen, meinen Erwartungen vor der Lesung, Textversionen aus der Leseprobe, folgenden Gesprächen, musikalischen Intermezzi, Moderationstexten. Als unbewältigter Koloss in meinem Hinterkopf.

Vielen Dank dafür an alle Lesenden, an Sirka Elspaß und Sebastian Meineck für die Moderation und Jens-Moritz Klatt für die Musik.