Anne Frank und ich –
Ein Mehr an Wasauchimmer

Wenn ich das jetzt schreibe, fühle ich mich unglaublich alt.

Ich gebe zu, ja, da war mal dieser Typ und er wusste meinen Namen nicht und manchmal hat er mich angelächelt. Ich war 14, hatte blonde Strähnchen und trug gerne das hellblaue Spagettiträgertop. Das ist nichts, woran ich gerne erinnert werde und nichts, wovon ich gerne erzähle. Und ich bin froh, dass sich nichts (keine Befindlichkeitsscheiße: keine Tagebucheinträge, keine Liebeserklärungen) aus der Zeit erhalten hat.

Und eben weil wir alle mal aus Liebeskummer nicht den Geschirrspüler ausräumen konnten und uns gitarrenschrammelnd in unser Zimmer eingeschlossen haben, gab es gestern diese Momente, wo ich mich an etwas erinnert fühlte, woran ich mich nicht erinnern wollte. Umsobesser, Konfrontation mit verdrängten aber tief empfundenen Verwundungen. Eigentlich. Das Problem ist jetzt nur, dass tiefetiefe, naive, allgemeine und intensive Empfindung so unendlich leicht pathetisch und lächerlich wird. Irgendwo zwischen Empfindung und Befindlichkeit mäanderte gestern Abend auch das Stück. Man wollte uns was erzählen, von Müttern, Schwestern, Jungs, Familien und – Jungsein halt. Teenagertrauer.

„Ich sehne mich so“ ist mehr.

Ich hab vorher mal geschrieben, wir wären alle mal jung gewesen, und Anne Franks Geschichte, die Aufzeichnungen in Anne Franks Tagebuch sind natürlich auch eine Geschichte von Müttern, Schwestern, Jungs, Famlilien und Jungsein. Aber Anne Franks Tagebuch ist unendlich mehr als das, es ist ein Zeugnis, Dokument und Beweis des Gräuels, Schreckens und Verbrechens. Wenn Anne Frank sich sehnt, dann sehnt sie sich nach dem Leben, das ihr genommen wurde, nicht nach Lars und einer Partyeinladung. Und deswegen ist nichts austauschbar (Ist das auch aus dem Tagebuch? – Nein, von mir) oder verwechselbar, und letztlich nicht mal vergleichbar. Anne Frank und ich: Anne Frank zu rezipieren bedeutet, sich auch mit dem nationalsozialistischen Deutschland, dem Genozid und Weltkrieg zu beschäftigen. Anne Frank zu sagen ohne Birkenau zu denken ist nicht möglich.

Man könnte jetzt sagen, dass das Ausklammern von allem Nicht-Teenie-Problematischen ein Mittel war, um das Um-sich-selber-Kreisen, das Fehlen von Gefühl für Proportionen eines Teenagers war. Nunja, nicht überzeugt. Ohne Anne Frank, also nur „Ich“, wäre das Stück reine Befindlichkeit, Anne Frank ist Politik und Geschichte, zusammen müsste das dann eigentlich die Durchdringung von Privatem und irgendwie Größerem sein. Man hätte klären können, was Anne Frank für die Urenkel der Täter, der Opfer von damals bedeutet, was Anne Franks Tagebuch noch bedeutet, wenn es parallel zur Cosmopolitan gelesen wird.

Bilder wie aus dem Bilderbuch

Liegt man nicht gerade im Bett und versucht, sich gleichzeitig zusammenzuhalten und nach irgendwas weiter draußen zu greifen, ist dieses Gefühl und das Bild ziemlich – ähm, naja. Uns wurden gestern eine Reihe von Bildern gezeigt; eine Reihe von sehr plakativen, einfachen Bildern, die zum Teil wirklich anrührend, zum Teil nur naiv waren.

Ein so kurzer Bilderreigen hätte körperlich unmittelbarer, physisch zwingender, und konsequenter choreographiert inszeniert eine bedeutend größere Wirkung erziehlen können, unabhängig vom Inhalt.
So gut beleucht die Bühne auch war – ja, das mochte ich, alles ganz einfach, Beschränkung auf das Spiel – konnte man schwarz auf schwarz trotzdem wenig sehen.

Das Stück sei wie ein Musikvideo, heißt es im Programmheft. Wir sitzen jetzt also in der Redaktion und gucken nebenbei Youtube-Videos, Sinéad O‘Connor und die Chinesischen Back-Street-Boys und wissen einfach nicht, wie wir‘s sagen sollen.