Ein bisschen Stress muss sein

OVERLOAD von tanzmainz club vom Staatstheater Mainz zeigt, dass die Quadratur des Körpers nicht gelingen kann – und warum das Hoffnung gibt.

Den Zwang geometrischer Formen erfährt das Publikum schon beim Betreten des Theatersaales. Auf dem weißen Boden definiert ein Lichtquadrat den Aufführungsraum, das Publikum drängt sich im schmalen Streifen Schatten drumherum. „Stehen Sie lieber, könnte gefährlich werden“, sagt ein Tänzer zu den beiden Zuschauerinnen, die sich hingesetzt haben. Ein Metronom gibt einen schnellen Takt vor. Ich werde nervös.

Die Reaktion auf strenge Vorgaben bestimmt die Choreographie: Laute, treibende Beats geben den Rhythmus vor, alle Bewegungen werden entlang eines Quadrats aus kaltweißem Licht ausgeführt.

Wenn das Ensemble auf der Stelle joggt und in die Luft boxt, assoziiere ich ein Fitnessstudio, wenn sich die Performer*innen durchs Gesicht fahren und an ihren T-Shirts zupfen wirkt das wie morgendliche Körperpflege. In einer religiös anmutenden Szene reckt die Gruppe synchron die Hände nach oben zu dem Licht, das ihre Welt als Quadrat organisiert. Andere Bewegungsabläufe bleiben abstrakt, wiederholen sich aber immer wieder durch die ganze Inszenierung. Sie könnten Chiffren sein für die Vorgaben einer Arbeits-, Schul- oder Studienwelt, für den Druck, fit und cool zu sein – für die Geometrien des Alltags, in die man sich einzupassen hat – Alle Bereiche also, bis ins intimste, werden normiert und in der Gruppe ausgeführt.

Als Gegenstück zu diesem Stress wird auch Erschöpfung thematisiert. In den Gruppenchoreographien entstehen dadurch Abweichungen von der Norm. Einzelne Personen heben sich ab, werden zum Individuum: Eine Tänzerin, die immer erschöpfter und asynchroner die ritualisierten Bewegungen ausführt. Zwei Tänzer, die beim hektischen Trippeln an den Rändern des Lichtquadrates nicht ganz auf der Linie ihrer Gruppe bleiben und mit anderen zusammenstoßen. Immer wieder scheinen einzelne Ensemblemitglieder sich nicht aus der Choreographie lösen zu können und führen sie weiter, selbst wenn der Rest der Gruppe bereits zu einer anderen gewechselt hat. Die Bewegung, die Geschwindigkeit, der Stress wird zum Selbstzweck.

Unterstützt und fast zu explizit eingeordnet werden die Bewegungen durch eine Szene, in der eine Tänzerin von zwei anderen vor einer Kamera interviewt wird – wie in einem Bewerbungsgespräch.

„Bist du Feministin?“

„Bist du vegetarisch oder vegan? Warum?“

“Spielst du uns grade was vor?”

Die sprachliche Einordnung nimmt den Bewegungen einen Teil ihrer suggestiven Kraft, gerade weil das Interview durch die hohe Geschwindigkeit und Absurdität der Fragen einen comical relief schafft.

„Bist du eher gut oder eher im Mittelfeld?“ – „Worin denn?“ – „So generell.“

Folgenlose Utopie

Die einzige Szene, die mit dem Stress durch enge Vorgaben bricht, bleibt traumartig, scheint eine Utopie zu sein. In weicherem, gelblichem Licht gehen die Ensemblemitglieder zu Gitarrenmusik und Gesang plötzlich viel aufmerksamer miteinander um, unterstützen sich gegenseitig in Paaren zu zweit, nehmen einander Lasten ab. Wird hier ein Ausweg aus dem Stress aufgezeigt? Ist dieser etwa mehr Sensibilität füreinander? Achtsamkeit?

Die Utopie bleibt allerdings folgenlos. Das Licht wechselt zurück zu grellem Weiß, die Beats sind jetzt noch härter, fast militärisch. Die synchronen Bewegungen wirken verbissener und durch die Trommeln wie heroisiert.

Immer wieder öffnet sich in der Inszenierung aber doch unvermittelt eine Möglichkeit, dem Stress für einen kurzen Moment zu entkommen: Wenn ich gebannt bin von einer Tänzerin, die nah vor mir steht, schweißglänzend. Ich kann ihren schweren Atem hören und sehen, wie ihre Muskeln zittern. Durch die Nähe fühle ich mich kurz bedrängt, in den Stress unausweichbar eingebunden. Dann öffnet sich aber eine persönliche Begegnung und ich bin für einen Moment außerhalb der Geometrie, außerhalb der treibenden Beats.

Einen ähnlichen Eindruck gibt es noch einmal ganz am Ende des Stücks, wenn die Musik aufhört und der Raum plötzlich dunkel ist. Wie ein Gegenstück zum mechanischen Tacken des Metronoms zu Beginn ist das laute, unregelmäßige Atmen der Tänzer*innen zu hören, im eigenen, unregulierbaren Takt. Keine Kreise und Quadrate, sondern ein individuelles Einverständnis, das durch Empathie entsteht. Publikum und Tanzenden sind plötzlich gleich, buchstäblich auf einer Ebene – und ohne das Licht sind Bühnen- und Zuschauer*innenraum nicht mehr getrennt.

Vielleicht gibt es also doch ein hoffnungsvolles Ende. Dass keine der alltäglichen Geometrien, in die wir uns einpassen, uns ganz erfassen kann. Der Körper widersetzt sich standhaft der Quadratur. Und auch der Applaus, der dann einsetzt, ist ein Chaos verschiedener Takte, eine Befreiung von übermächtigen Beats.