Erzählung: Du ziehst den Vorhang beiseite

Am Montag Abend haben sich Schaja Aenehsazy, Lisa Harres, Laura Bärtle, Miriam Pontius, Lea Wahode und Philipp Neudert von der FZ zusammen auf die Bühne gesetzt und Texte für euch vorgetragen. Hier ist Philipps Text zum Nachlesen.

 

Wenn es nach mir geht, ich hätte nicht geboren werden müssen. Ich hätte mich nicht vermisst. Wenn ich ehrlich war, würde es mich am Ende des Lebens, das vor mir lag, eigentlich nicht gebraucht haben. Wäre es nach mir gegangen, ich wäre dort geblieben. Doch ich wurde hergeschickt. Ich vergaß alles, was ich schon gewusst hatte. Und so passierte es eben.

Du gehst mitten in der Nacht eine Straße runter in Richtung einer U-Bahn. Die wird dich hoffentlich hier wegbringen. In deinem Körper zirkuliert Gift. Oben der Straße war es dir noch zu dunkel, unten in der Station blendet dich jetzt das Licht; in der U-Bahn ist niemand außer dir und dem Maler. Er hat sich seinen weichen Hut tief ins Gesicht gezogen, bewegt sich nicht, vielleicht ist er eingeschlafen. Auf dem Sitz neben ihm liegt eine zusammengefaltete Staffelei, zwischen seinen Knien klemmt ein Koffer voller Farbflecke. Die Bahn fährt an, die Hutkrempe des Malers vibriert. Du schaust nach links, in Fahrtrichtung, siehst Sitze, Bänke, Schlaufen zum Festhalten, und keine Menschen.

Du schaust, bis es ein Starren wird. Du suchst in dieser Situation verzweifelt Poesie. Das Besondere oder zumindest Andere. Was die einen Flow nennen und die anderen heiliger Geist. Disney sagte Magic, Nabakov ästhetisches Hochgefühl. Das ist dann, wenn man plötzlich den Augenblick verweilen lassen will. Oder wenn man Sätze sagt wie: Schönheit ist eine Betäubung, die uns das Leben ertragen lässt. In klarer Sprache lässt sich nicht davon reden, weil in der Auflösung der Klarheit ihre ganze Gnade liegt. Wenn man diese Sätze ernst meint. Ursprünglich, so fällt dir ein, warum jetzt, wo her, ursprünglich war poesis das, was gemacht wird: etwas, das zuerst nicht existiert und dann von einem Menschen in die Existenz gebracht wird. Aber du starrst jetzt einer Poesie nach, weil du glaubst, sie sei dort draußen statt etwas, das du in deinem Kopf herstellen musst, und du weißt doch eigentlich gar nicht, was genau du überhaupt sehen möchtest oder wo es sein könnte. Vielleicht auf den Bildern des Malers? Du schaust wieder die Hälfte des schlafende Gesichts an, die du sehen kannst. Du meinst, nichts darin zu erkennen, und du glaubst: Er zeigt mir seine Bilder nicht, niemals.

An einem anderen Tag bist mit einem Kind, das nichts deins ist, an einem See. Es läuft davon, springt in einen See und geht unter. Da stehst du, wägst ab. Du weißt, dass du keine Zeit hast, deine Kleidung abzulegen, das Kind wird schon ertrunken sein. Doch es gibt so viel zu tun! Du möchtest ein Buch schreiben und ein wichtiger Mensch sein. Du willst in Talkshows auftreten und Karrieremöglichkeiten ergreifen. Die Kreise auf dem Wasser glätten sich, es ist ein friedlicher Tag an einem See, du kannst entspannen, Energie tanken. Du hast es nötig.

Du hast Angst davor, so etwas wie ein Autor sein zu müssen oder sein zu sollen: einer, der sich ein eigenes Leben ausdenken und es in den eigenen Worten beschreiben kann. Du hast immer Angst, dass dir etwas Besseres entgehen könnte.

Du sagst dir: Es liegt nichts daran, als schreibender Mensch über das Schreiben oder schreibende Menschen zu schreiben. Es liegt vielleicht nahe. Doch es wäre eine Verschwendung noch dieser winzigen Möglichkeit, dem winzigen Ausschnitt der Welt, der einem zuhört, den winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit zu zeigen, den du für erzählenswert hältst. Dass die Wahl dabei auf schreibende Menschen und Schreibakte und Schreibkrisen fällt, verrät weder guten Geschmack noch Fantasie. Sich selbst überwinden im Schreiben hieße zuerst einmal, nicht mehr nur an die unmittelbar eigenen Probleme zu denken.

Du sagst dir: Es wird anders kommen. Aber nicht für lange Zeit, und nicht für mich. An solchen trüben Tagen wie heute zerreiße ich mich nicht, schone mich auch nicht, lasse mich nur langsam von der Ereignislosigkeit aufreiben. Es sind Tage, in denen ich, weil alles so verdeckt und vernebelt aussieht, endlich klar sehen kann: dass in diesem Leben überhaupt nichts klar und überhaupt nichts deutlich ist, dass nichts auf der Hand liegt, und dass am Ende kein Zynismus und kein Exzess und kein Engagement und kein Kreuzzug irgendetwas aufklären kann. Es geht nicht darum, irgendeinen Nebel zu vertreiben, um eine dahinter versteckte Wahrheit zu erkennen. Es geht darum zu verstehen, dass dieser Nebel aus tausenden kleinen Schein- und Alltagswahrheiten nur verdeckt, dass er nichts verdeckt: dass hinter diesen kleinen isolierten Einzelinformationen keine große oder umfassende Antwort steht. Dass wir, wenn wir diesen Nebel vertreiben, noch nicht einmal mehr fragen können, was dahinter liegt.

Dann sitzt du auf einem Balkon, und es ist Nacht, und ihr schaut vom siebten Stock runter auf die stark beleuchtete Stadt. Ihr habt die erste Flasche ausgetrunken und euch eine Kerze angezündet. Im Kopf vergleichst immer wieder das Licht der Kerze mit dem der Straßenlaternen: flackernder und weicher, sanfter kommt es dir vor. Kerzenschimmer, sagst du, fast unhörbar. Was für ein Wort. Euer Gespräch stockt schon länger. Es kommt dir seltsam vor, an so einem Abend, auch wenn du weißt, dass das an dir geschätzt wird: Mit dir kann man auch mal schweigen. Morgen werde ich allein sein in dieser Wohnung, sagst du, umgeben von Büchern und Musik, die mich am Leben erhalten, zusammen mit den Lieferdiensten und dem City-Rewe. Diese Stadt ist ist ein versteinerter Uterus. Sie sagt zu uns: Du kannst weiter in mir leben, aber ums Essen musst du dich selber kümmern. Ihr schaut euch an. Es ist Mitternacht. Und ihr bleibt noch ein bisschen sitzen.

Der Morgen ist viel zu früh gekommen, ihr seid schon auf dem Weg zum Flughafen. Dein Kopf schläft dir im Stehen ein, dein Gefühl ist noch nicht wieder aufgewacht. Die U-Bahn ist voller Angestellter, Leute in Anzügen und Kostümen, die nach Kölschwasser riechen und wahrscheinlich froh und stolz sind, jetzt auf dem Weg zur Arbeit sein zu dürfen. Dir fällt der Maler wieder ein und der Richter und das Kind, das nicht deins ist. Du fürchtest du dich vor dem Flughafen und hast Angst, was mit dem Flugzeug passiert. Du weißt, du kannst nicht einsteigen, noch nicht, du musst noch zurückbleiben, nur die anderen dürfen weiter. Du. Willst du sagen. Bleib doch hier bei mir, ich habe Angst um dich. Und du. Sagst stattdessen. Gute Reise und danke für alles und komm mich besuchen. Und du. Hörst. Wir sehen uns wieder. Wir alle.

Ihr lernt euch nur wenige Tage später im Café kennen. Du hast dir gedacht, ich muss mal wieder raus, bist ein bisschen gegangen, schnell müde geworden und hier an irgendeiner Ecke gelandet. Es ist kein echtes Café, eher eine Art Kiosk, in dem man die BILD kauft und Bier und Kaffee und Zigaretten, und wenn man Lust hat, kann man auf weißen Plastikmöbeln an der Straße sitzen und anfangen, die Einkäufe wieder aufzubrauchen. Sie hat da einfach so gesessen und dich gar nicht beachtet. Kein Nicken, kein ironisches Herzlich Willkommen. Kein Blick. Aber als sie geht, lässt sie die BILD auf dem Tisch liegen. Du wunderst dich, dass eine wie sie die BILD liest, sie sieht nicht so aus, und merkst, wie lang du so ein Ding nicht mehr in der Hand gehabt hast. Schon liest du. ROSTOCKER RASER TÖTET FAMILIE+++KINDER WAREN NEUN UND SIEBEN+++ LISA (9) HATTE EBEN ERST GEBURTSTAG. Ein Windstoß will das Papier wegfegen. Du beschwerst es mit deiner Kaffeetasse und schaust den Autos beim Vorbeifahren zu.

Zwei Tage später kommst du wieder, ohne dass du es geplant hättest. Sie ist nicht da. Du hast keine Zeit, weil du alle Zeit hast, aber keine Kraft, irgendetwas damit anzufangen. Du schaust in den bedeckten Himmel und suchst da nach irgendwas, nach einem Licht, und du wartest, dass es vorbei geht, und du findest diese BILD vor dir gar nicht mal so schlecht. Nichts kommt voran, diese ganze Welt nicht, deine Geschichte nicht, du sitzt nur hier und schaust zu, wie alles den Bach runter geht. Um dich herum verändert sich die Welt. Neue Technologien, neue Herausforderungen, neue Kulturen. Du hast nichts dazu zu sagen. Und trotzdem könnte die Welt einen wie dich vielleicht gebrauchen. Braucht es denn nicht in all der Unübersichtlichkeit umso dringender die übergreifende Erzählung, das Jenseits des Nebels? Steht es denn Leuten wie dir nicht frei, das Wunderbare zu bauen, dass dann in Zukunft statt der Leere zum Vorschein kommt, wenn man den Vorhang wegreißt? Warum bist du dir nur zu schade, etwas Nützliches zu tun, auch wenn das in deinen Begriffen heißen muss, die Leute über das, was hinter dem Nebel ist, belügen zu müssen, diese Leute, die ja alles tun, um belogen zu werden?

Die Frau kommt wieder, diesmal ohne Bild, aber mit Kaffee. Ihr wechselt ein paar Worte, bevor sie aufsteht und dir anbietet, mitzukommen. Du sagst danke aber nein danke und bleibst sitzen. Schaust ihr hinterher. Trinkst einen zweiten Kaffee und ein erstes Bier und dann zwei und drei und die ersten Zigaretten seit weißnichwielang. Kaufst noch eine andere Zeitung, die du dann nicht liest, zu viel Text, zu wenig Bild. Irgendwann dreht die Verkäuferin das Radio auf, es läuft Musik, die dir unter normalen Umständen nicht gefallen würde, und trotzdem wippst du mit dem Fuß mit. Die Autos rasen und rasen vorbei. Du bist schon so müde. Vor dir auf dem Tisch türmen sich auf winzige Zettel gekritzelte Notizen auf, die du so schnell hingeschrieben hast, dass du sie schon selber nicht mehr entziffern kannst. Was ist aus all deinen Ideen geworden? Du hast schon lang beschlossen zu gehen, und du trinkst immer noch einen. Und als du dann endlich doch aufstehst, kurz bevor das sogenannte Café zumacht, reißt du dir noch die Seite mit den Jobangeboten aus der Zeitung und steckst sie in die Tasche.

Wenn du heute in den Spiegel schaust, bist du überrascht. Von innen, da blickt dich das Gesicht eines Menschen an, der nicht mehr jung ist. Wann hast du zum Beispiel angefangen, diese Art Frisur zu haben, und wann sind die Haare, die sie bilden, weiß geworden? Was verbindet dich mit all den Milliarden, die seit deiner Geburt zusätzlich auf die Welt gekommen sind? Was verbindet dich mit dem Menschen, den du früher gespielt hast? Woran erinnerst du dich noch: an den Wald, an die U-Bahn, an das ertrunkene Kind? Weißt du noch, wie du dich vergessen hast? Kurz fragst du dich, was der Tag bringen wird. Wie wird das Wetter? Du willst hinaussehen. Der Weg zum Fenster ist nicht weit. Du ziehst den Vorhang vorsichtig beiseite.

Es heißt, man kann nicht zwei Mal in denselben Fluss steigen. Aber warum sind am Ende alle Flüsse gleich? Es geht los, es gibt einen Fluss und ein Verschwinden, er geht auf in etwas oder verdunstet. Und wieder Wind, Regen, es gibt einen Fluss und ein Verschwinden, es geht auf in etwas oder verdunstet. So ist es mit allen Flüssen. So war es immer. So ist es eben passiert.