Du kommst hier nicht raus

Verrückte Mütter, mordende Väter, wahnsinnige Geschwister und etwas Kuttelwurst: Daraus macht das P14 Jugendtheater der Volksbühne zweieinhalb Stunden Theater über die Schrecklichkeit, ein Mensch zu sein.

Die Story ist eigentlich ziemlich clean. Man muss sie sich einmal klar machen, um in dem, was dann folgt, nicht den Faden oder gleich den Verstand zu verlieren. Im Kern ist CORE OF CRISIS (CoC) ein Familiendrama: Eine Familie, bestehend aus einer verrückten Mutter, einem gewalttätigen Vater, den Zwillingen Amor und Ophelia sowie ihrer Schwester Lilith, lebt in einem Haus, das man nicht verlassen kann. Als die Zwillinge dank übernatürlicher Hilfe doch entkommen können, finden sie sich nicht in der normalen Welt zurecht. Schließlich kehren sie zum Elternhaus zurück, um ein Fest zu feiern und sich  endgültig von ihrer Vergangenheit zu befreien. Ob das gelingen kann, bleibt fraglich.

Fangen wir mit der Mutter an. Sie scheint verrückt zu sein, und ihre Liebe zu ihren Kindern ist von Anfang an brüchig. Sie scheint nur unter der Bedingung zu bestehen, dass sie satt ist, sonst würde sie auch ihre Kinder essen, so sei es in der Natur ja auch.

Machen wir weiter mit der jüngsten Tocher: Lilith, von der Mutter „mein kleiner Ärger” oder „Bredouille” genannt, ist neidisch auf das Zwillingsdasein ihrer Geschwister, weil die schon jemanden kannten, bevor sie überhaupt auf die Welt gekommen sind. Ihr Wunschtraum, selbst einen Zwilling zu haben, wird zum Horrortrip, weil sich ihr imaginierter Zwilling als Monster herausstellt, das sie am liebsten schon in der Fruchtblase mit der Nabelschnur erwürgen würde und davon nur absieht, weil sie einen gemeinsamen Blutkreislauf haben.

Und dann der Vater: Nachdem er sie beim Versteckspiel entdeckt hat ein Spiel, bei dem es, wie Lilith bemerkt, nur um Kontrolle gehe, genau wie auch beim „Lieblingsspiel” des Vaters sperrt er seine Tochter in eine Art Horror-Krankenhaus tief im Inneren des Bühnenbilds, wo er grausame Experimente durchführt. Doch das Kind widersetzt sich der wissenschaftlichen Beschreibung, lässt sich nicht vollständig ausforschen, produziert zu viele widersprüchliche Forschungsergebnisse, „zu viele Variablen”, und stirbt letztendlich an der Behandlung. Das menschliche Subjekt, das unter den kalten, instrumentellen und männlichen Blick der Wissenschaft gerät, verliert dadurch erst den Verstand, dann das Leben. Liliths Schwester Ophelia, benannt nach einer der berühmtesten Verrückten der Theatergeschichte aus Shakespeares „Hamlet”, ruft nach dem Mord die Erinnyen an: griechische Rachegöttinnen, die allerdings nicht wie in der mythologischen Vorlage, der Orestie, auf den Sohn, den Mörder der eigenen Mutter, sondern auf den Vater, den Mörder der eigenen Tochter, angesetzt werden. Die so „Angerufenen” gehen dann auch tatsächlich ans Telefon, als Hotline für Frauen, denen Unrecht angetan wurde.

Der männliche Zwilling, Amor in der griechisch-römischen Mythologie eigentlich der Sohn von Venus, der Göttin der Liebe wird als Bruder der Rache fordernden „Elektra” alias Ophelia zu „Orest”: Als der müsste er, der Vorlage folgend, eigentlich seine Mutter töten, um deren Mord an seinem Vater zu rächen. Und deshalb würden ihn eigentlich die Rachegöttinen verfolgen, bis endlich Athene, die Göttin der Vernunft, einschreitet, um den Zirkel aus Rache und Gegenrache zu durchbrechen. So etwas passiert hier nicht: Nachdem die Erinnyen den Standort der Zwillinge ausgependelt haben, stürmen sie das Haus, jagen den Vater durch das halbe Theater und erschießen ihn schließlich auf der Bühne. Kunstblut, Röcheln. Und eine Therapiesitzung beginnt. Weil die Therapeutin aber nur Reime, keine echte Hilfe anbietet, bringt auch das nichts.  Auf Athenes „Vernunft” ist hier nicht zu hoffen.

Wie man sehen kann, zeigt CoC an den Details der zahlreichen Vorlagen kein übermäßiges Interesse. Vielmehr werden verschiedene Mythen, literarische Sujets und Theoriefetzen zu theatralem Matsch verarbeitet ein Matsch, der aber durchaus interpretierbar bleibt. So wird die vom – gottgleichen Vater ermordete Lilith auch noch zum Messias, durch dessen oder vielmehr deren Tod die beiden anderen Geschwister aus ihrer Gefangenschaft „erlöst” werden. Dementsprechend wird eine Lilith-Puppe ans Kreuz geschlagen. Aber eine echte Erlösung bleibt aus, „außen” wird es nicht besser, die Zwillinge kommen nicht mit der Welt klar. Sie überfallen eine Bank, führen eine Gerichtsverhandlung, reisen in die Wüste, bewegen sich dabei immer zwischen kindlichem Spiel, gefährlichem Wahnsinn und Comedy. Dann verliebt sich Amor auch noch in eine der Erinnyen, bekommt aber nicht nur einen, sondern gleich drei Körbe. Die Göttinnen haben kein wirkliches Interesse an den Zwillingen, sie wollten nicht sie retten, sondern den Vater bestrafen, es ging nie um Erlösung, sondern um Vergeltung, der Mythos kennt weder Auswege noch überhaupt ein Außen.

Und doch durchzieht der Gegensatz Innen-Außen das ganze Stück, wobei damit Unterschiedlichstes gemeint sein kann: der halluzinierende Kopf der Mutter, ihre Gebärmutter, das Elternhaus, aus dem man nicht herauskommt, der jeweils eigene Wahnsinn der Figuren, ein physisches Gefängnis. Geht es um einen philosophischen Außenwelt-Skeptizismus oder doch um die Unmöglichkeit, sich von den eigenen Zwangsvorstellungen zu lösen? Vernunft oder Wissenschaft sind in CoC weniger Hilfe als Bedrohung: als Biologie, die die Mutterliebe unter die Bedingung stellt, dass die Eltern satt sind; als Mathematik, die sich mit großen Zahlen und Geld beschäftigt, was als Topos immer wieder auftaucht, aber im Stück nie verstanden werden kann; als Psychologie, die zwar aufzeigen kann, in welcher tiefen Scheiße wir uns alle befinden, aber keinen Ausweg weist. Auf die Aufklärung kann man sich in CoC nicht verlassen, auf den Mythos schon eher, der ermöglicht immerhin eine Deutung: Kinder, ihr könnt in die Schädelstellung wechseln, so oft ihr wollt, ihr kommt hier nicht raus, vielleicht noch aus dem Haus, aber nicht aus dem Mythos. End of story.

Wenn es also keinen Ausweg gibt, fragt man sich umso dringender: Was ist die Ursache, was ist der Kern der Krise? Die Vorprägung der Menschen durch Mutter und Vater und die Abhängigkeit von der Zuwendung anderer, als Säugling, und als Erwachsener nicht weniger? Die giftigen  Strategien, die aus der Abhängigkeit herausführen sollen und alle weiteren Probleme verursachen: die Machtgier, um Liebe erzwingen zu können; der Wahnsinn, um einer schmerzhaften Realität zu entfliehen; Kontrollwut, um die Welt zu beherrschen; Mütter, die ihre Kinder wieder in ihren Bauch zurückpressen; Väter, die ihre Töchter töten; Kinder, die ihre Eltern töten wollen; der Wunsch nach einer kontrollierbaren und damit gefahrlosen Nähe, der unausweichlich zu Einsamkeit führt? CoC bietet zahlreiche Ansätze, aber keine definitiven Erklärungen.

Am Ende bleibt das Stück vor allem als langer Theaterabend ohne Längen in Erinnerung, manchmal schockierend, oft lustig, einem intelligenten Entwurf folgend, gut umgesetzt, mit starken schauspielerischen Leistungen.