Dritte Art:
Sechs Körper,
zwölf Hände

Ich fange an mit der Angst. Ich fange an mit der Angst vor der Entzauberung. Ich fange an mit der Angst vor der Entzauberung, die eine Angst vor dem Versuch ist, eine Angst, dass man die Worte nicht findet, eine Angst, dem Stück nicht gerecht zu werden mit einer Kritik. Damit fange ich an. Und deshalb wird das hier keine Kritik.

Wäre ich eure Dunkelheit auf der Bühne, dann fragte ich mich: Bin ich euer Wahnsinn, eure Besessenheit? Bin ich der, der aus dem Takt kommt? Bin ich ein Zustand zwischen wach und schlafend? Schlafwandelnd – nur verzweifelter? Bin ich euch zu nah? Warum habt ihr sonst die Neonleuchten auf dem Boden angeknipst? Hattet ihr vor, mich zu vertreiben? Hattet ihr vor, eure Körper besser zu beleuchten, damit das Publikum sie beschauen kann? Wäre ich eure Dunkelheit dann habt ihr auch mir gestern Augen gegeben, euch besser sehen zu können – euch und eure Körper, eure Hände, Hebefiguren. Licht ist gut. Ich konnte meinen Blick auf euch scharf stellen. Nur vergesst nicht: Indem ihr mir Licht gebt, verschwinde ich langsam…

Wäre ich eure Hände, eure Hände auf der Bühne, eure Hände, die zu eurem Körper gehören, fände ich mich in einer Pose: „Hände hoch!“. Ich bin unbewaffnet und ich muss mich nicht verstecken. Wenn ich eure Körper wäre, also 3 Männer- und 3 Frauenkörper, dann würden sie also durch die Hände hindurch rufen: „Ich habe nichts zu verbergen!“ Und wenn ihr mir nicht glaubt, dann prüft es doch selbst! Legt die Hand auf. Na, macht schon. Liegt sie richtig? Ja, sie liegt! Ich lege sie dorthin auf deinen Körper? Nein, lieber dahin. Von Schulter auf Rücken, von Knie wieder zum Oberschenkel? Okay. Bei mir ist alles an seinem Platz. Oder denkst du, ich habe mich verändert? Darf ich nochmal anfassen? Ja, du darfst. Und dürfen meine Hände deine Hände fragen: Ab wann ist es nicht mehr Berührung sondern Brutalität? Ich weiß nicht. Ich glaube das kommt nicht von meinen Händen…

Wäre ich deine Sprache auf der Bühne, würde ich mich gebärden. Wäre Gebärdensprache, Fluss zwischen deinen Händen, ich würde ein Geheimnis haben, mit dir, dem Gesagten, vielleicht wäre ich ein Grund für die Wut des anderen. Er kann nicht sprechen, aber du kannst es. Was mache ich, deine Sprache, mit ihm? Dass er dir an den Haaren reißt?

Wäre ich eure Musik, ich würde mich fragen, warum ich oft zu spät eingespielt wurde. Und dann wäre ich froh um die Verspätungen, die Aussetzer, die Brüche, die ich erzeugt habe, weil man – als ich fehlte – euch atmen hören konnte. Weil die Zuschauer*innen euch dann nah kommen konnten, da sie wussten: Ihr seid auch Körper, die am Leben sind. Ihr seid Körper mit Lungen. Ihr seid Körper – wie sie.

Wenn ich euer Stolz wäre, fände man mich in jeder Faser eurer Körper, ich wäre zum Beispiel eure Hebefigur auf der Bühne, – nur dass ich existierte in einer Vielzahl. Als Hebefigur wünschte ich mir manchmal, die Frauen könnten auch mal die Männer heben. Als Hebefigur wäre ich voller Präzision, voller Eleganz. Manchmal wäre ich mir selbst zu viel, und zu oft. Als Hebefigur erklomm man mit mir jedes Fleckchen Haut, nur um die maximale Auflagefläche zweier Körper zu erreichen! Manchmal ging es bei mir um Nähe, manchmal Distanz. Manchmal dürfte jemand Getragenes erschöpfen und einfach nur getragen werden. Manchmal dürfte jemand Getragenes über sich hinaus wachsen, auf dem anderen – oder aus zwei Körpern einen Körper machen. Manchmal wäre ich als Hebefigur eine Provokation. Manchmal wäre ich eine Vergewisserung  – nur dazu da, den anderen ohne Sprache zu fragen: Bist du noch da? – Ja, das bin ich.

Foto: Dave Großmann