Dritte Art:
Knie & Katharsis

Die Gestalten in „Dritte Art“ vom „Tanzstudio Danzon“ zeigen sich grotesk und roh, stolz und graziös. Schwarze Bühne, schwarze Kleidung, die Haut blitzt hell hervor. Ein spannungeladener Draht gespannt zwischen Strenge und Sinnlichkeit.

Wenn die anderen schlafen. Wenn die anderen schlafen und in Zweien, da regt sich was.
Zu einander, umeinander, dass sie sich nackt machen müssen, dass sie sich weg drehen wollen.
Es hämmert an die Fenster der Nacht.
Es bearbeitet die Werkzeuge der Ferne.
Es tastet die Schleier der Würde ab.
Es legt ihnen das Leben himmelwärts zu Füßen
Es kämmt den sanften Stunden die Jahre aus dem Haar.
Es zähmt die Hüften.
Es haucht Wut in ihre Arme.
Es trabt in ihnen davon.
Es verhandelt mit der Schönheit.
Es umgarnt eines andern’ Genick.
Es stirbt sich aus.
Es –
Was passiert wenn zwei zusammen, außerhalb der anderen, sich zu einander positionieren?

Drei junge Männer und drei junge Frauen zeigen ein Tanzstück über das Ringen um und mit Nähe, abgehandelt zwischen den beiden Geschlechtern. In ihrer Aufstellung, in ihren Duetten zeigt sich: mit der Geschlechtertrennung wird nicht gebrochen- Im Gegenteil: sie dienen ihr als thematisches Scharnier. Gleichzeitig wird sie auch nicht penetrant überinszeniert, sie ist verwoben in das Stück wie eine gut gearbeitete Naht.
Denn obwohl die Aufstellung aus der Geschlechterfrage gezogen wird, entwickeln sich die Rollen ausgewogen und unabhängig von dieser.
Ein leichtes Ungleichgewicht entsteht da wo traditionelle Tänzerrollen aufgegriffen werden, die sich aber als körperlich notwendig für die Choreographie zeigen. Wo es nur geht wird mit diesen Stereotypen gebrochen: Lifts werden von beiden Geschlechtern ausgeführt, der klassische Gesang, der einige Szenen trägt wird von einem Countertenor gesungen- ein schönes Spiel mit der Frage nach Männlichkeit und Emotionalität, Choreographien werden in unterschiedlicher Besetzung wiederholt.

„Dritte Art“ liebäugelt mit Dominanz und Bedrängung, und das so weit, dass einige Zuschauer auf dem Weg nach draußen hinter vorgehaltener Hand das Wort Vergewaltigung fallen lassen.
Was es auszeichnet ist weniger Zärtlichkeit, als Zartheit.
Es führt die Blicke der Zuschauer von Fuß zu Arm zu Gesicht, von Gelenk zu Hüfte zu Knien. Fast fühlt es sich an als würde der Zuschauer selbst sie abtasten.
Die Bilder sind ausdrucksstark und kommen auch am Tag nach der Aufführung immer wieder hoch: Eine Frau auf einem Mann, um ihn herum, an ihm, in seinen Zwischenräume, immer zurück an seine Haut. Gebärdensprache und ein Streichen durch Haare, ins Nichts, ein Greifen und Zerren. Eine Linie von Tänzer*innen, die sich mit geschlossenen Augen vorsichtig vorwärts bewegt. Sie treten dem Licht entgegen, doch sie sind blind. Sinnlichkeit ausgeleuchtet, dem Zuschauer dargeboten. Und schließlich: Wie sich die Tänzer*Innen beugen und für einen Augenblick zu den Füßen des anderen hocken und dessen Knie umfassen.
Trotz identischer Choreographie, verbergen sich gerade in den kleinen Abweichungen Geschichten. Denn diese Abweichung scheinen aus den starken Charakteren der Tänzer*innen zu entspringen und nicht aus Tollpatschigkeit. Die Tänzer*innen fühlen sich in ihre Rollen, fühlen darüber hinaus, präsentieren sich als fühlende Wesen gegenüber dem Publikum.  So lässt sich auch die Geste des Knie-Umfassen vielschichtig interpretieren: mal als festhalten, mal als horchen, mal fast geschäftlich, abgeklärt.

Nach der Hälfte des Stücks vergesse ich mitzuschreiben.
Mein Notizbuch blättert auf und bleibt offen liegen, mein Mund tut es ihm nach.
Irgendwann fällt es mir vom Schoß, ich hebe es auf und drücke es mir an die Brust.
Zwei Gedanken schießen mir gleichzeitig durch den Kopf: Ich will darüber schreiben! Mein Gott, warum und wie hierüber schreiben?
Und dann: Verdammt, ich wusste nicht, dass ein Metronom so sinnlich sein kann.
Das Stück verschlingt einen durch und durch und nur widerwillig erlaubt es sprachlichen Ausdruck dafür. Doch vielleicht ist man gerade dem gegenüber, dem man sich am sprachlosesten fühlt, die meisten Worte schuldig.

„Dritte Art“ ist die letzte und gleichzeitig längste Inszenierung des diesjährigen Tanztreffen der Jugend. Es arbeitet sich in rhythmischen Schlägen in das Bewusstsein der Zuschauer*innen und fesselt mit seinen dynamischen Duetten. Es bietet Projektionsfläche an der sich der Betrachter abarbeiten kann, sich befreien aus der Dramatik der er sich hier hingibt.
Durchdringend und schmerzhaft, grobe Erotik und feiner Rausch.

Foto: Dave Großmann