Don’t cry for me, baby:
Zwischen Dynamik
und Overkill

In „Don’t cry for me, baby“ werden Romeo und Julia in die Punkszene und in die Disco inszeniert. Es gibt straßenrealistische Kostüme (Lederstrumpfhosen, Schottenröcke, Nietenjacken, alles da), es wird getanzt, gepöbelt, gesungen, gekämpft und geschrien, Bier, Wasser und Speichel werden ausgespien. Den punkigen Montagues stehen snobistische Capulets entgegen (hier: ein großartiges Schauspiel von Niklas Wetzel als Paris: charismatische Bühnenpräsenz, ungezwungene, wie selbstverständlich dargestellte Überzeichnungen – Wahnsinn!).

Es ist die Hölle los, und das mitten bei Shakespeare. Aber es ist keine repräsentative Jugendkultur, die hier aufwartet: Die Gestalten sind zu schrill und zu skurril, aber so lange es Spaß macht, solange das Stück keine höheren Maßstäbe verlangt, kann das gemacht werden, um altbekannten Geschichten neues Leben einzuhauchen.

Die Szenen werden von einer mitreißenden Dynamik getrieben: vitales Schauspiel, selbstbewusste, überzeichnete, vor Elan sprühende Charaktere, rauschend schnelle Szenenwechsel. Dazu ständige Überraschungen im minimalistischen Bühnenbild: Die Straßenlaterne in der Mitte flackert auf, ein Müllcontainer erscheint, aus dem Figuren kraxeln, ein Klavier wird hereingeschoben und beklimpert, eine romantische beleuchtete Schaukel senkt sich herab. Spiele mit Licht und Dunkelheit: Choreographien mit blinkenden Gegenständen und Schwarzlicht. (Für das Schwarzlicht dankt die Redaktion: unser Papier leuchtete, endlich keine Live-Notizen ins Schwarze hinein!)

Zu Beginn und zum Schluss wird in die Zauberkiste gegriffen und auf den Putz gehauen: Eingangs erheben sich zwei schwere Wände und geben den Blick frei auf eine wuchtige Trommelperformance auf Eisentonnen; zum Abschluss versinkt eine schattenrisshafte extensive Kussszene im Rauch der Nebelmaschine und eine Sternenwand aus Spotlights gleitet hinab, um voll aufzudrehen und das Publikum zu blenden.

So steht im Vorspiel zum Faust: „Besonders aber laßt genug geschehn/ Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn/ Wird vieles vor den Augen abgesponnen/ So daß die Menge staunend gaffen kann/ Da habt Ihr in der Breite gleich gewonnen/ Ihr seid ein vielgeliebter Mann./ Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen/ Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus/ Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen/ Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“ Und da beginnt die Kritik:

Es war zu viel. Die Hälfte des Stücks besteht aus einem Lärmteppich aus Musik in Discolautstärke und dem Geschrei der Schauspieler gegen den Sound. Wie subtil da Jugendjargon und Originaltext verwoben sind, kann meistens nicht festgestellt werden. Manche Szenen klingen nur nach „Wuamamama buu ftaka mamama wu, du Arschloch!“ Die Szenen mit wildem Tanz (dabei: Lob an die dynamischen, einfallsreichen Choreographien) kehrten viel zu oft wieder, als hätte man Angst, zu ernst und trocken zu werden, wenn man den Fokus auf die viel interessanteren Dialoge und Konfrontationen der Figuren legen würde.

Das Grundproblem – vielleicht auch eine Frage der Mischung und Tontechnik – ist ein Overkill an Lautstärke und undeutlicher Sprechweise. Eine Herkulesaufgabe: Wie soll man bei dieser Mischung aus Energie, Wildheit und Tempo klare Worte finden – ohne Mikrofon? Vielleicht durch sanfter gemischte, auf weniger Szenen reduzierte und einen Tick leisere Musik, durch etwas mehr Innehalten zwischen den Szenen, und durch eine Prise mehr Artikulation. Das hätte viel verändert.

Ohne diese Überladung an Sound und Tempo wären die virtuosen Ideen und Bilder der Inszenierung noch mehr in den bewundernden Blick gerückt: Pater Lorenzo, der ein Medley von Laudato Si bis Blowing in the Wind am Klavier klimpert, während ein Neon-Kreuz über ihm grellt. Oder die hochromantische Glitzerschaukel, die 15 Meter in die Höhe reicht, auf der die verliebte Julia schaukelt, indes Romeo sie auf der Straßenlaterne stehend anhimmelt. Mut zum stillen Moment, und das Stück entfaltet sich.

Foto: Dave Großmann