Don’t cry for me, baby:
Vom Fördern und Zerstören

Ich bin wütend gewesen, als ich den Saal verlassen habe. Aber fangen wir von vorne an:

Was für eine Energie, was für eine Kraft. Ein Ensemble, wie füreinander geschaffen. Man spürt den inneren Zusammenhalt, spürt das an der Spielfreude und an der Ausstrahlung. Ein Fest der guten Laune, so scheint es, wird präsentiert. Das Publikum tost, es entsteht ein Zyklus: Die Darsteller_innen drehen – motiviert von den Reaktionen und vom wiederholten Szenenapplaus – nochmal ordentlich auf. Es wird lauter und immer lauter, die Bilder spitzen sich zu, es knallen Schüsse, es knallen Türen, die Momente werden immer größer und dramatischer: Liebende, die von einer Nebelwand verschlungen werden, der Tod vor roter Leinwand, Neon-Röhren und Lichterketten, alles endet – alles vergeht! – in einem Lichterbrei zum Schluss. Achduscheiße. Sagen wir es doch wie es gewesen ist: Chemnitz hat ordentlich auf die Kacke gehauen. Gerockt.

So. Und jetzt reden wir Klartext.

Brüllen, kotzen, schreien, kreischen, Chart-Hits rauf- und runterspielen, mit Bier spucken und in die Gegend rotzen – das, liebe Freunde, ist nicht “rhetorische Sprachkunst Shakespeares ins Heute” übersetzen, das ist nicht “Figuren der momentanen Jugendkultur” anpassen, schon gar nicht ist das modern, aktuell oder sonst was. Das – zugegeben, pardon, an dem Abend doch recht dämlich reagierende – Publikum mit homophobem Unsinn zu füttern, ist infantil gewesen und unnötig, zumal es auch noch belohnt wurde. “Der ist doch schwul!” Haha, zack, Szenenapplaus.

Was passiert, wenn das Publikum glaubt, auf einem Lady-Gaga-Konzert gelandet zu sein, wo man einfach die verstrahltesten Ideen genommen und auf eine Bühne gepackt hat? Dann geht eine der besten Szenen aus dem gesamten Stück unter in dümmliches Gelächter: Paris (im übrigen ganz großartig gespielt von Niklas Wetzel), wie er da steht und Julia anstarrt, er sagt kein Wort, wirft einfach nur mit seinen Pralinen auf sie, zuerst Stück für Stück, dann die gesamte Packung, läuft wutentbrannt davon. Das alles wird nicht von irgendwelchem Gebrüll untermalt oder Disco-Songs, es ist ein – eigentlich! – wunderschöner Augenblick in seiner tiefen Traurigkeit und Fatalität. Er verpufft leider, vergeht.

Es wäre nicht fair, das alles nur dem Publikum zuzuschreiben. Die Chemnitzer haben einen krachenden Ton angeschlagen, von Anfang an, haben sich mit ihrer Energie, mit ihren teilweise wirklich guten Ideen selbst ausmanövriert. Da bringt auch die größte Nebelmaschine nichts, da bringt auch Radiohead nichts, da bringt auch ein blutroter Vorhang nichts. Da singt Julia ein Lied, ganz still und leise und trotzdem so unglaublich zornig – aber wir müssen ja Deutsch mit Untertitel haben: Julia eskaliert, hüpft auf und ab, wieder dieses Breiige, jaja, wir haben’s verstanden, entspannt dich mal. Ziemlich verhauen wurde leider Julias Sterbeszene. Eine Pistole, ein Kopfschuss – are you fucking kidding me?

Es wurde nicht wirklich deutlich: Soll das alles Ironie sein? Bin ich zu empfindlich, wenn ich Homophobie wittere, diese aber nötig ist in der kaputten Familienwelt der Montagues? Aber warum dann dieser offensichtliche Versuch, am Ende noch eine Ernsthaftigkeit zu vermitteln? Warum dann nicht konsequent durchrocken? Romeo und Julia lernen sich in einer absurden Situation kennen, eine, die man nicht wirklich ernst nehmen sollte, weil sie nunmal eine Verballhornung gewesen ist. Aber sie sterben auf eine ultradramatische Art und Weise, mit Blut und Platzpatrone. Das passt nicht zusammen, der Übergang, bzw. der Prozess der Zuspitzung, der hat nicht funktioniert, das Publikum hat es offenbar nicht verstanden – und dann passiert es, dass gelacht wird, wenn Paris Pralinen auf Julia wirft.

Ich bin wütend gewesen, als ich den Saal verlassen habe. Wütend erstmal darauf, dass es viele wunderbare Ideen und Szenen gegeben hat (bravo, das sei angebracht: die Dame, die Lorenzo gespielt hat, Undine Unger), die jedoch ihre Wirkung nicht voll entfalten konnten, weil irgendwie alles Rock, Punk und Pop sein musste. Wütend auf das Publikum, das oftmals völlig unangebracht applaudierte. Wütend aber auch auf die Chemnitzer, die das Publikum immerhin bedienten. Zuletzt bin ich wütend darauf, weil ich wütend bin: Die KarateMilchTiger sind eine schon ziemlich coole Truppe, ein Ensemble, das zusammengehört und unbedingt weitermachen sollte. Weg mit dem Ballast und dem Druck des Großen und Lauten, mehr Mut für die leisen Momente, mehr Bewusstsein darüber, was eine Szene überhaupt auslöst beim Publikum. Was sie fördert, was sie aber auch zerstört.

Foto: Dave Großmann