Don’t cry for me, baby:
Verona leuchtete

Wir kennen die Geschichte und die meisten dieser bewegenden Bilder haben wir auch schon mal irgendwo gesehen, auf dem Theater, irgendwann. Man könnte überhaupt öfter sagen, „ja, aber“. Wenn man wollte. Ich will nicht. Ja, man hat manchmal wenig verstanden, wegen dem Hall und dem Schreien. Da habt ihr recht. Aber was ihr kindisch nennt, nenn ich den Sturm und Drang. Was ihr Kitsch nennt, nenn ich Liebe.
Am Anfang hatte ich ein wenig Angst um das Stück, ein wenig Angst davor, dass die Geschichte im Krawall untergehen könnte, als alle immerzu geschrien haben. Obwohl die Playback-Gitarren-Sache so sehr cool aussah. Eben alles zu cool aussah, und zu lustig war.

Wir haben gelacht, als die Montagues als peruanische Fußgängerzonen-Kombo auf die Capulet-Mottoparty schlürfen. Und dann Formationstanz machen. So sehr lustig. So sehr coole Idee. So sehr unerwartet. Nicht lustig (aber für schwangere, grölende, saufende Prekariatsangehörige wie die Figuren) wohl vielleicht irgendwie passend: dumme Homosexuellenwitze. Dass die dann Leute ernsthaft lustig fanden. Nicht lustig, wie gesagt.

Wir haben gestaunt: Als der eiserne Vorhang hochfuhr und alles trommelt. Sehr laut und sehr wunderbar. Wir haben gestaunt über das perfekte Licht.

Aber dann lernen sie sich kennen. Außenrum weiterhin dies alte Leben, wo Leute in Mülltonnen feiern. Aber innen ist alles anders und diese Leuchtschaukel fährt von der Decke, er erklimmt die Straßenlaterne und plötzlich ist es genau so, wie ich hoffte, dass es sein würde. Eine Geschichte von der Liebe und dem Sterben, die man nicht ganz ernst erzählen muss, aber trotzdem ernst nehmen will und muss. Weil es eben das Größte ist zu lieben.

Sie heiraten am nächsten Morgen bei einem postchristlichen Pfarrer, der Best-of Medleys der größten Jesus-Hits, aber nicht Wagners „Treulich geführt“ spielen kann und tauschen die schönsten Trauringe, die es je gab, aus. Heiligenscheine oder Lichterkränze.

Es kommt wie es kommt, Tybalt bringt Mercutio um, Romeo bringt Tybalt um und muss fliehen, vorher kehrt er nochmal zurück zu seiner Julia, dem kleinen Mädchen im weißen Kleidchen, mit Ringelstrümpfen und ohne Schuhe.

Dann der Kuss, länger als bei Kate und William, ganz sicher. Rauchwolken und Licht aus Luken im Boden. Paris singend mit seinen Pralinen und Gerbera. Der nächste Morgen als Schattenriss vor einer leuchtenden Wand. Sehr rührend, diese Liebesgeschichte. Die Liebesgeschichte. Die Liebesgeschichte aller Liebesgeschichten. Und so schön anzusehen.

Weiter im Text: Päris, der singende, pralinenessende Cousin des Prinzen (der unsägliche Platzpatronen schießt, naja), will Julia heiraten. Vielleicht, um zu beweisen, dass er nicht homosexuell ist. Vielleicht liebt er sie auch. (Vielleicht liebt er sie sogar mehr als Romeo, nämlich ohne die Belohnung des Zurückgeliebtwerdens? Müsste man mal drüber nachdenken.) Sie will das nicht, in Päris geht irgendetwas kaputt und er hört auf mit dem Pralinenessen, um die Schokolädchen nach Julia zu werfen. Wahrscheinlich liebt er sie. Sie tut so, als wär sie tot, man bringt sie in die Gruft. Vorher singt sie nochmal (schönst) und schreit und springt (nicht so schön), aber aus dieser Schreisache wird dann ein leuchtendes lautes Neonrauschen, aus dem Julias Beerdigung wird. Aus dem sich dann Julias Beerdigung kristallisiert, sollte ich schreiben. Die Musik geht aus, das Licht (dies Licht, immerwieder dies Licht) geht an. Und bitte:

Päris hat immer wieder Julias schlaffe Hand fallen lassen. „Ich hab meine Braut verloren, es ist alles umsonst“.
Und dann kommt Romeo und Paris schießt Romeo in den Bauch; er knallt ihn unerwartet (dass man das über das Ende in Romeo und Julia sagen kann, unerwartet, wie wunderbar) einfach so ab, und das nicht mal wirklich absichtlich, irgendwie haben sie sich ja umarmt und irgendwie haben sie gemeinsam um Julia getrauert.
Lydia hat geflüstert, „Ich hatte gedacht, die hätten diesmal vielleicht eine Chance“.

Dann wacht sie auf, erschießt sich und der Himmel, das Licht kommt heruntergefahren und alles leuchtet. So sehr schön und so unglaublich traurig.

For never was a story of more woe / Than this of Juliet and her Romeo. Exeunt omnes. Ende.

Foto: Dave Großmann