Don’t cry for me, baby:
Früher, als Gott
noch ein Punk war

Gestern Abend habe ich mich – zugegebenermaßen – in die (Licht-)Technik verknallt. Das Licht war ein Zauberwerk. Jeder Effekt saß. Die Schaukel, die Lichterketten-Kränze, die bunten Lichter, die mich an einen Drogenrausch denken ließen: Wunderschön. Zum Schluss weckten die blendenden Scheinwerfer den in der Fiktion versunkenen Zuschauer und erwischten ihn gleichermaßen als Voyeur pubertärer Knutsch-Szenen.
Die Jugendliebe: ein impulsives Rauscherlebnis, überladen mit Michael-Jackson-Sarah-Connor-Kante-Radiohead-Soundtrack, parodistischen, an Disneys Highschoolmusical erinnernde Tanz- und Gesangseinlagen, Las-Vegas-Eil-Hochzeiten und angebrachter Pseudo-Christlichkeit, (Kapuzen-) Knutschen, psychedelischen Parties und Rauschmitteln aus dem Fläschchen. Es gab ein bisschen Kitsch, ganz viel Punk und Darsteller, die ihre Bühne und das Aggressionspotenzial des Stückes schauspielerisch voll ausgekostet haben. Es war toll, weil bewusst einfach alles „over the top“ angelegt war.

Man hat zwar nicht verstanden, was Julia eigentlich an Romeo findet, oder Romeo an Julia, oder wieso Paris auf einmal Julia liebt, aber die mangelnde Nachvollziehbarkeit hat „Don’t cry for me, baby“ nicht geschadet, im Gegenteil: Die Liebe nimmt man so hin. Man fragt nicht danach.

Manche Szenen haben sich am nächsten Morgen in den Kopf eingebrannt, zum Beispiel wie Paris Julia mit Pralinen bewirft. Das war still und brutal, ein kleiner Moment der Ruhe neben den Schlag auf Schlag angesetzten, lauten Konfliktsituationen. Leicht haperte es manchmal an der Akustik, Romeo und Julia hat man leider schlecht verstanden. Vielleicht war das auch gewollt, die letzte Bastion minimaler Intimität neben großer, öffentlicher Gewalt.

Einige Charaktere hätten präziser ausgearbeitet werden können: Die weiß gekleideten, jungfräulichen Verliebten hätten im Vergleich zu den anderen Charakteren mehr Eigenschaften tragen können als nur brav und knutschend daher zu kommen. Die Punks waren Mittelpunkt der Inszenierung, aber was war mit den Capulets? Diese fielen in der gestrigen Inszenierung leider ein bisschen hinten ab, waren eher zweidimensional, abgesehen von Paris, der wundervoll schmierig mit seinen Pralinen hantierte.

Die Inszenierung schließt ziemlich genau an den Film „Romeo & Juliet“ an. Das war in den 90ern mit Leonardo diCaprio in seinen jungen Jahren. Primär ging es um Sex, Drugs und Rock’n’Roll. Daneben musste ich öfters an das Skandalvideo der Band „Justice“ denken, in dem Jugendgewalt präsentiert wird. Der Zuschauer folgt einer Gruppe randalierender Jugendlichen, die alles kurz und klein schlagen. Sie tragen einheitliche schwarze Jacken mit auf die Rückenflächen eingenähten weißen Kreuzen. Mercutios eindrucksvolle Tätowierung erinnerte mich plötzlich an diese Parallelität. Das Originalvideo gibt es auf Youtube: Es heißt „Stress“.

Foto: Dave Großmann