Don’t cry for me, baby:
Aus meinem metaphysischen
Nähkästchen

Mein schönster Augenblick im Stück war ja, als der eiserne Vorhang, auf den man vorher einen Kreuzesschein geleuchtet hatte, sich hob und den Blick freilegte auf den Ort, von dem aus eigentlich Gott schauen müsste – aber da ist keiner. Nur weite Leere, für jede Transzendenzprojektion vonseiten der Zuschauer mindestens ein leerer Sitz. Für mich die Einlösung einer wirklich starken romantischen Tragik: Der eiserne Vorhang als versteinerter Himmel einer immer wieder niedergeschmetterten Gottessehnsucht. Das war eine kleine Apokalypse, die ich mir da erzählt wurde.

Und das ist für mich das bittere Szenario, vor dem ich mir das zeigen lasse, was als harmloses Unterhaltungsstück angekündigt wurde. Hier wird es schon langsam schwieriger. Was ist eigentlich Unterhaltung? Michael Haneke (der Österreicher mit den fiesen Filmen) hat mal in einem Interview gesagt, Bachs Matthäuspassion sei auch Unterhaltung. Aber eben nicht Zerstreuung. Der Unterschied: Unterhaltung tut dem Menschen gut, während Zerstreuung hochabsichtlich von dem ablenkt, was dem Menschen hochabsichtlich schlecht tut. Sie ist also dann etwas Schlechtes, wenn sie von eigentlich lokalisierbaren und deswegen veränderlichen menschlichen Zuständen ablenkt. Unterhaltung dagegen wäre etwas Gutes, wenn sie von leidvollen menschlichen Konditionen ablenkt, an denen wir nichts ändern können. Zum Beispiel, dass Gott tot ist – und auch wir es irgendwann sein werden. Hundertprozentig.

„Romeo und Julia“ ist für mich eine dieser prototypischen Geschichten („Kabale und Liebe“ ist die andere), in denen es darum geht, dass zwei Leute einander lieben, gegen den Lebensüberdruss, gegen das Unbehagen. Woher das Unbehagen kommt, ist dann die Kontrastfolie, die story- oder interpretationsabhängig ist. Zum Beispiel was Politisches: Liebe gegen die Ausbeutung der Massen. Oder eben metaphysisch, so wie ich gestern. Wenn Gott sowieso tot ist und am Ende auch die Liebenden sterben, ist das doch Grund genug, mit allen Mitteln dagegen anzugehen. So verstehe ich jedenfalls diese gierige gute Laune, das üppige Kitschbüfett und die Fleischtöpfe theatraler Effekte, die die Chemnitzer uns auftischten.

So gesehen leuchtet mir auch ein, wieso immer so laut geschrien werden musste, wieso man nicht innehielt, wieso beim Küssen das Licht durch den Kunstnebel scheinen musste und laute Musik vom Band lief oder gemacht wurde oder beides. Mit den Tanzchoreografien auf den Partys tanzten sie sich über eine tiefen Abgrund. Klar, einige Geschmacklosigkeiten waren echt überflüssig. Aber was passiert, wenn die Zotenmaschinerie einmal stillsteht und kurz Ruhe einkehrt, sah ich ja, als Paris in einer verzweifelten Szene sein therapeutisches Pralinenmampfen aufgibt, Julia mit der Schokolade bewirft und dann zusammenbricht.

Bloß hab ich wohl ein Stück gesehen, das gestern gar nicht wirklich auf der Bühne war. Wenn die Chemnitzer mir jedenfalls ganz absichtlich meine Geschichte vom Anlieben gegen das Übel und von dessen tragischem Scheitern hätten erzählen wollen, dann wäre das sicher noch deutlicher markiert worden. Aber ich glaube, nur indem sie es nicht gewollt haben, hatte ich meinen Moment.

Foto: Dave Großmann