„sag alles ab“:
Diskussion

Das Jugendtheater Piccolo singt und tanzt uns den Leistungsdruck des Neokapitalismus vor. An einer Szene haben wir uns den Kopf zerbrochen: Drei Sänger*innen performen Rammsteins „Seemann“, während das restliche Ensemble vor der Kamera, projiziert auf Leinwand, auf hoher See in orangefarbenen Schwimmwesten schwankt.
Alma Dewerny und Rudi Nuss diskutieren über die Symbolhaftigkeit der Szene.

Rudi:
Tilge, Höchster, meine Sünden. Am Anfang eröffnet das Ensemble des Piccolo Jugendklubs eine energetisch im Chor gesprochene Kritik an (kolonialen) Machtstrukturen. Den Süden, heißt es, den beuten wir aus. Sie sprenkeln aktuelle politische Bezüge und Diskurse in die persönlichen Geschichten: Wer hat Angst vor Islamismus? Willst du nicht was Nützliches aus deinem Leben machen, willst du Geflüchteten helfen? Gibt es eine Obergrenze für Tote?

Alma:
Aber ist das Stück wirklich so politisch? Musste sich nicht jeder 542 Tage durch die gymnasiale Oberstufe kämpfen und Gedichte aufsagen? Das Stück reflektiert den Alltag von Jugendlichen, seien es nun typische Lehrer- und Elternsprüche oder die Frage, wie es nach dem Abitur weitergehen soll. Eine Politisierung kann ich in den meisten Szenen nur schwer erkennen.  

Rudi:
Natürlich bleiben diese diskursiven Momente rar, sie schwingen aber stetig mit. So wie die bedrohlichen Explosionen zwischen den Kapiteln, Hinweise auf künftigen Kollaps, auf kommende Kriege. Das schwingt für mich alles mit, wenn das Stück gegen Ende seinen Höhepunkt auf dem Boot erreicht. Das Ensemble bedient sich der Metaphorik des Boots, des Verlorenseins auf der hohen See. Mit den orangefarbenen Schwimmwesten bedienen sie sich einer Bildsprache, die in unserer Gegenwart medial aufgeladen ist. Die Assoziation mit Geflüchteten im Mittelmeer ist für mich unausweichlich.


Komm in mein Boot
ein Sturm kommt auf
und es wird Nacht


Alma:
Drei Schauspielende singen den Song „Seemann“ von Rammstein, dazu Nebel, viel Nebel und ein Hai-Luftballon, der über der ganzen Szenerie schwebt. Ich finde, der Fokus liegt auf der Ästhetik dieses trashig und kitschig überzogenen Moments.

Rudi:
Ich finde, das Bild kann man nicht einfach so verwenden, nur, um eine mittelmäßig spannende Metaphorik zu zeigen. Intention hin oder her. Der Bezug auf das Bild von Geflüchteten in den Medien wird vor allem hergestellt durch die Verwendung der
Kamera. Ich will nicht mal sagen, dass hier ein absichtlicher Vergleich inszeniert werden sollte. Ich finde bloß, dass dieses Bild sich in einem Raum mit assoziativen Ketten positioniert, dem sich niemand entziehen kann. Der gesellschaftliche Symbolraum ist nicht wahllos. Das Stück handelt von den Problemen privilegierter Jugendlicher, die in Deutschland zur Schule gehen. So eröffnet der (vielleicht unfreiwillig geöffnete) Assoziationsraum eine Art unüberbrückbaren Spalt zweier Lebensrealitäten. Ein Vergleich mit Verfolgung, Krieg und Flucht würde einfach keinen Sinn machen, es wäre sogar vermessen.

Alma:
In meinen Augen ist das ein ganz anderer Symbolraum. Das Stück definiert die Ängste einer Generation. Sie sind verunsichert: Werden sie dem Leistungsdruck gerecht werden? Werden sie einen Platz  in der zunehmend globalisierten Welt finden? Werden sie Heteronormativität überwinden? In diesem Kontext sitzt die Generation nunmal sprichwörtlich im gleichen Boot. Das ist ein pathetisches Bild, aber kein provokant Politisches.

Rudi:
Ok, äh, jetzt haben wir keinen Platz mehr, wer kriegt jetzt eigentlich das letzte Wort???

Alma und Rudi:
Beide! *Konfetti*