Die Vulva-Heterotopie

CHICKS* UNITED entführt uns in eine glitzernde Welt, in der Süße und Ekel, Wut und Humor ineinanderfließen. Mit Kunstblut und Kulthandlungen führen sie vor, wie Frauen unterdrückt werden – und wie sie sich befreien können. Dabei verstehen sie es besonders, das Publikum zu lenken. Es lebe die Revolte der CHICKS* gegen Scham und Unterdrückung! Von Philipp Neudert

In einem dunklen, überfüllten, viel zu heißen Raum ist das Licht ausgegangen. Frauen mit Masken und Taschenlampen schreiten zwischen den eng gedrängten Menschen hindurch. Ohne Vorwarnung picken sie sich Einzelne heraus, leuchten ihnen ins Gesicht, fahren mit Lichtpunkten ihre Körper auf und ab, verharren dabei oft im Intimbereich. Sie stellen eine
Blickhierarchie her: Nur eine Seite bestimmt, was gesehen wird, die andere kann sich nicht wehren, und alle können das Objekt dieses Blickes sehen. So angeleuchtet und ausgestellt zu werden, kann beklemmen, sogar Angst machen. Auf diese Weise wurden und werden Frauen seit Jahrhunderten zum Objekt eines männlichen Blicks gemacht und damit unterworfen, so die Botschaft.

„Sie machten uns mundtot, gaben sich Rechte und uns Regeln“, heißt es auf der Bühne. Objektiv ist dieser objektifizierende Blick aber nicht. Das zeigen die CHICKS*, wenn sie später erklären, wie Wissenschaftler die weibliche Ejakulation oder den klitoralen Orgasmus verkennen, wie Aufklärungsunterricht heteronormativ ist und die weibliche Selbstbefriedigung außen vor lässt, dass das ,Jungfernhäutchen‘ weder eine Haut ist noch zu einer Jungfrau gehören muss. Am krassesten ist wohl die Geschichte des Arztes John Harvey Kellogg (1852–1943), der Frauen empfahl, die Klitoris zu verätzen. Solche Repressionen werden benannt, kritisiert und überwunden – wenigstens für die Dauer des Stücks.

Die Performance ist vom ersten Moment an so intensiv, dass ich mich ihr kaum entziehen kann. Alle Besucher*innen werden einzeln an die Hand genommen, ins Dunkel hinter einen Vorhang geführt und mit Flüstern und schokoladenen „Lustperlen“ begrüßt. Sobald man diese ausgestreckte Hand ergreift, befindet man sich in einer Heterotopie, an einem anderen Ort, in dem die repressiven Regeln der Gesellschaft teilweise außer Kraft gesetzt sind.

FÜR EINEN KURZEN MOMENT SCHEINT DIE UNTERDRÜCKUNG ÜBERWUNDEN
Hier bestimmen die CHICKS* die Regeln und zertrümmern, was über Generationen hinweg an Unterdrückung aufgebaut wurde. Hier fressen, schreien und bluten die Frauen, wie es ihnen passt. CHICKS* fangen an mit echter Wut, die im Lauf des Stücks zu Humor übergeht. Auch das Patriarchat muss noch einmal komisch sterben: Am Ende verwandelt das Ensemble zusammen mit dem Publikum die ganze Bühne in eine riesige Vulva aus Stoff und Plastikbahnen. Das Publikum nimmt darin Platz und Spielende reichen ihm auf einer riesigen Platte – den Mutterkuchen. Es ist eine echte Torte, mit rosa Zuckerguss verziert, verführerisch. Dazu bekommt das Publikum Gabeln vom Ensemble, mit denen es sich auf die Torte stürzt. Die Spieler*innen stimmen einen sakralen Chor an („Vuuulvaaa“, „Kliiitoooriis“), und das Publikum singt erst zögerlich, dann entschlossen mit. Es gibt nur noch Torte und Gesang, und die Unterdrückung scheint überwunden – für diesen Moment jedenfalls.