DIE UNBERÜHRBAREN:
TOTALITÄRE TANGAS

von Nils Brunschede

Wer hätte damit gerechnet: Dass hier plötzlich Hitler auf die Bühne marschiert, nach nur fünf Minuten, und dann auch noch eine Sado-Peitsche schwingend, quasi nackt, im Leder-Tanga!

“Zocht ond Ochdnung!”, donnert es in den Zuschauerraum, Zocht ond Ochdnung werden vom Führer im Sozialkundeunterricht an einer inklusiven Schule gefordert.

Dieser findet auf der Schultoilette statt, dorthin wegen Renovierung verlegt. Eben noch hatte hier eine Lehrerin gewütet: ein schrilles pädagogisches Schreckgespenst mit schwarzrotgoldenem Perückenhaar, und mit Klobrille statt Zeigestock in der Hand.

Der GröFaZ annektiert den Unterricht, reißt den Schülern die Mützen vom Kopf und wirft sie in die Kloschüsseln. Aber auch die Lehrerin muss ihren Kaugummi in seine Hand spucken und verliert damit sofort jeden Anspruch auf Autorität. Das gibt der grotesken Szene noch zusätzlichen Witz: Macht ist, sehen wir, flüchtig.

Dargestellt wird in „Die Unberührbaren“ eine Alptraumwelt, in der Konflikte in Gerichtshows ausgetragen werden und Augen-OPs zu Massakern eskalieren. Versatzstücke aus Pädagogik, Medizin und Medienwelt gehen in sie ein und vermengen sich. In einer Szene prahlt der Schuldirektor vor einem Reporter mit seiner Inklusionsschülerin, in deren Anwesenheit. Da rutscht die Schülerin plötzlich von ihrem Stuhl (respektive Toilettensitz), verwandelt sich in einen Hund und fällt den Schuldirektor an. Dann nimmt sie sich den Journalisten vor, der sich noch mit seiner Reporter-Kladde zu verteidigen sucht. Als aber auch das nicht hilft, verwandelt dieser sich selbst in einen Hund und fängt an zu kläffen: „Zocht, zocht!“ Hitler ist wieder da.

Bevormundung und sinnlose Befehle sind für die behinderte Person im Stück allgegenwärtig. Mit den Mitteln der Satire wird Disziplin als sinnloser Selbstzweck vorgeführt, als Relikt, das Geschrei eines lächerlichen, längst toten und vergrabenen Tyrannen. “Die Unberührbaren” ist kein Versuch, mit dem Theater als Mittel Zorn und Betroffenheit zu entfachen. Schon gar nicht hat das Stück den Anspruch, die “Lebenswelt von Behinderten” zu repräsentieren. Das ist eine Stärke! Denn so wird Komplexitätsreduktion vermieden, und ein perfides Problem sozialkritischen Theaters: dass es die Erzählmuster und Klischees, die es angreift, selber wieder aufkocht. Über Rollenmuster und Grenzziehungen zwischen “denen” und “uns” macht sich die Truppe grandios lustig. Sie geraten auf der Bühne in einen surrealen satirischen Strudel, und werden mit dem lauten Geräusch der Toilettenspülung verabschiedet.

Zu Beginn des Stückes hatte ich mich noch gefragt, ob die Spieler*innen es schaffen würden, den düster-poetischen Albtraum über die Dauer des ganzen Stücks am Leben zu erhalten. Schwächen im technischen Detail wie die abgehackt-wirkenden Sound-Einspielungen beim Szenenwechsel waren eindeutig. Schwieriger zu entscheiden ist die Frage nach der zunehmenden Konzentration auf die Hitler-Figur. Ich persönlich habe eine Ensembleleistung wahrgenommen, mit spielfreudigen, pointensicheren Spieler*innen. In einem Stück, das zu den richtigen Mitteln greift: Zu Hundekostüm und Peitsche, Tanga und Toilettenpapier. Serr gott!

Foto: Dave Grossmann