DIE UNBERÜHRBAREN:
SIEG DER FANTASIE

von Sebastian Meineck

Wie kann das kein Klamauk sein, wenn jemand mit nichts als einem Leder-Tanga bekleidet auf die Bühne tritt und Hitler imitiert? Genau das passiert in der Inszenierung “Die Unberührbaren” der Brandenburgischen Schule für Blinde und Sehbehinderte. Die Hitler-Figur im BDSM-Tanga stellt einen Schulleiter dar. Er wirft eine sehbehinderte Schülerin aus der Klasse, weil sie die anderen Mitschüler störe. Dabei lässt er knallend die Peitsche schwingen. Die Szene ist zu absurd, um ernst zu sein. Aber sie ist auch zu ernst, um Klamauk zu sein.

In “Die Unberührbaren” übernehmen drei Schauspielende abwechselnd die Rolle von tyrannischen Schulleitern, herzlosen Eltern und grausamen Mitschülerinnen. Sie quälen und mobben eine sehbehinderte Protagonistin. Am Ende stechen sie ihr die Augen aus, wollen ihre Leiche im Klo herunterspülen. Die Täterfiguren sind so überzeichnet, dass sie nicht mehr tatsächliche Personen darstellen: Die intolerante Lehrerin trägt eine Perücke und klagt hysterisch über ihr Burn-Out, der Vater artikuliert sinnlose Silben wie “Rararara”. Die verfremdeten Szenen erzählen nicht von Tätern, sondern von Taten.

Am Ende trägt die Hitler-Figur einen Arztkittel, beugt sich über einen OP-Tisch mit einer hilflosen Patientin darauf. “Öch werde nun schnoidön. Om Augö”, droht der Arzt. Die Scheinwerfer sind aus, an seiner Stirn leuchtet eine Taschenlampe. Die Boxen spielen einen basslastigen Beat, der wie nervöser Herzschlag klingt. Dann wirft der Arzt blutrote Tücher über seine Schultern. Es sind surreale Bilder wie aus einem David Lynch-Film. Wer vorher noch über den Tanga gelacht hat, hält nun gespannt den Atem an.

Vorlage für diese Szene war wohl die Angst vor einer Augen-Operation und die Angst vor einem unvorsichtigen Chirurgen. Doch während sich die blutigen Tücher auf dem Bühnenboden häufen, geht es nicht darum, Ärzte anzuklagen oder dem Publikum ins Gewissen zu reden. Das Stück fordert keine Gerechtigkeit und kein Mitgefühl, es verzichtet bewusst auf jede Wertung.

Die dargestellten Erlebnisse von Angst und Erniedrigung sind nur das Material, um eine surreale Geschichte zu erzählen. Die Inszenierung bearbeitet dieses Material, so wie ein Traum die Erlebnisse eines Tages bearbeitet. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Traumreise und Horrortrip, eine Show jenseits von Gut und Böse. Die Hitler-Figur im Tanga und all die anderen skurrilen Gestalten des Stücks sind kein Klamauk. Sie verkörpern eine Befreiung durch Satire — und einen Sieg der Fantasie.

Foto: Dave Grossmann