DIE UNBERÜHRBAREN:
HARRY POTTER GIBT ES NICHT

von Lydia Dimitrow

Das dreizehnjährige Mädchen, um das es im Stück “Die Unberührbaren” geht, hat keinen Namen. Weil man keinen Namen braucht, wenn es doch schon eine Schublade gibt, in die man gesteckt werden kann. “Das ist die blinde Schülerin”, sagt der Direktor zur Lehrerin, “sie hat sich wegen Ihnen getötet.”

Mit dieser Drastik erzählt die Theatergruppe “Wo ist Zukunft” von Stigmatisierung, vom Ausgegrenztsein, von Einsamkeit. Davon, wie im falschen Moment weg-, aber auch im falschen Moment hingeguckt wird. “Sie will ja gar nicht normal sein”, klagt die Lehrerin, “musst du dich immer in den Vordergrund spielen? Du willst mich nur ärgern.” Dass sie aber tatsächlich nie im Vordergrund steht, wird schnell deutlich. Die Protagonistin des Stücks wird systematisch bevormundet, unterbrochen, abgewürgt. So kommt es auch, dass eigentlich niemand so richtig etwas über sie erfährt: “Keine Ahnung, ich war noch nie bei der zu Hause!”, heißt es da. Doch eins schwingt immer diffus mit: “Ist nicht die Oma krank? Oder die Mutter? Nee, ist nicht die selber krank? Genau, die wird geschlagen, deswegen hat die blaue Flecken!”

Die wenigen Momente, in denen das Mädchen zu Wort kommt, spielen sich bezeichnenderweise im Dunkeln ab. Zwischen den einzelnen Szenen, die sich wie in einer Nummernrevue mit hohem Tempo aneinander reihen, wird es dunkel auf der Bühne. Nur noch ein schwaches Licht fällt auf das Mädchen, und da ertönt neben Klospülung, Schüssen und Musikeinspielungen immer wieder ihre Stimme: “Drei Schritte geradeaus. Drei Schritte nach rechts. Hass. Gleichgültigkeit. Keiner da. Ich kenne mich hier aus.” Es sind genau diese beiden Pole, zwischen denen sich ihr Leben abspielt, zwischen Ablehnung und Gleichgültigkeit. Und immer wieder: “Keiner da.” In diesem Raum kennt sie sich aus: “Es ist dunkel hier. Es ist immer dunkel hier.”

Das Publikum sieht der Protagonistin dabei zu, wie sie immer mehr hinter ihrem Stigma verschwindet, wie sie immer weniger zu Wort kommt, sich immer weniger bewegt, bis sie nur noch aufgebahrt daliegt. Und sogar – zumindest vermeintlich – stirbt. Das ist der Moment, in dem Direktor, Lehrerin und Mutter den symbolschwangeren Plan fassen, das problematische Kind kurzerhand zu zerstückeln und die Toilette hinunter zu spülen. Denn: “Wer erinnert sich denn schon an so einen Menschen?” So finden die vier weißen Toilettenbecken, die von Anfang an auf der Bühne stehen, zu ihrer finalen Bestimmung.

In dieser Hinsicht ist das Brandenburger Ensemble ganz konsequent. Es gibt keinen Moment, in dem die sehbehinderte Protagonistin sich doch noch auflehnt: die große, alles verändernde Rede schwingt, den Zuschauer anklagt, die Welt anklagt und sich von all dem emanzipiert. Der große Knall bleibt aus. Zumindest für diese Figur. Denn sie ist in einer Welt gefangen, die sie kleinmacht. Trotzdem versucht sie, aus diesem System immer wieder auszusteigen. Zum Beispiel, wenn sie in einer Castingshow von “Lila Wolken” singt. Wenn sie eine unliebsame Begutachtung dadurch sabotiert, dass sie auf allen Vieren zu bellen beginnt. Wenn sie den pseudo-fürsorglichen Direktor kanonadengleich abblitzen lässt: Mobbing, Asthma, Rollstuhl, Amoklauf, Kopfschuss – “Und seitdem bin ich sehbehindert.” An einer Stelle schließlich wird die Titelmelodie der Harry Potter-Filme eingespielt. Diese Referenz auf den vielleicht bekanntesten ganz normalen Jungen der Welt, der über Nacht aus seinem elenden Leben herausgerissen und zum mächtigen Zauberer wird, erscheint an dieser Stelle des Stücks vielleicht noch als Hoffnungsschimmer, in der Rückschau aber mehr als zynischer Kommentar. Harry Potter gibt es nicht. Und so wird die Protagonistin von keinem freundlichen Halbriesen abgeholt, um eine magische Welt zu entdecken. Weder an ihrem 11. Geburtstag noch an irgendeinem anderen.

Es gelingt der Protagonistin des Stücks nicht, sich Gehör zu verschaffen. Dem vierköpfigen Ensemble von der Brandenburgischen Schule für Blinde und Sehbehinderte gelingt das aber sehr wohl. Mit sehr viel Witz und großen Gesten karikieren drei der Spieler gekonnt  Lehrer (“Wir gründen die totale Pädagogik!”), Ärzte (“Naja: Mäßig gelaufen.”), Eltern (“Wir tun doch alles für dich. Wir putzen für dich, wir kochen für dich, wir räumen für dich auf!”). Sie treten auf als blondperücktes Dummchen, als pseudo-empathischer Anzugträger und als Hitler-Karikatur im Sadomaso-Schlüpfer. Sie singen, schreien, tanzen und schwingen die Lederpeitsche. Dabei treffen sie bei aller wirklich gelungenen Überspitzung immer wieder den richtigen Ton. Soll heißen: So sehr sie auch ihre Figuren ins Absurde treiben, gelingt es dem Publikum trotzdem nicht, das, was dort dargestellt wird, schlicht von sich wegzuschieben. Sich zu sagen: Ich bin ja zum Glück nicht so. Ich mach ja keine Behinderten-Witze. Bei diesem Stück geht es nicht um Behinderten-Witze. Es geht um ein System. Ein System, das starr und übermächtig ist und in dem nun einmal jeder steckt: “Die Gymnasiasten stopfen sich immer weiter mit Bildung voll und dann gehen sie kotzen. Sie wischen sich den Mund ab und gehen auf die Hochschule. Dann kommen sie zu mir und meinen, über mein Leben entscheiden zu können.”

Die einen entscheiden über die anderen, und die wiederum haben nichts zu sagen. Die Brandenburger Produktion überträgt das Kastensystem auf unsere Gesellschaft: Gymnasiasten sind Brahmanen, Sonderschüler Paria, “Unberührbare”: “Die sind eigentlich nur eklig und abstoßend.” Und aus diesem System kommt man nicht mehr raus: “Die Kaste bestimmt das ganze Leben.”

Dagegen wollen diese Spieler an. Und so wird das ganze Stück von einer produktiven Wut getragen. Denn Wut kann produktiv sein, nämlich dann, wenn sie der erste Schritt zur Selbstermächtigung, zur Befreiung, zum Sich-Gehör-Schaffen ist. Wenn sie nicht bitter und destruktiv wird. Und genau das ist dieses Ensemble nicht. “Die Unberührbaren” ist ein schonungsloses Stück, eine Abrechnung mit dem Inklusionsdiskurs und mit den eigenen Erfahrungen in unserer Gesellschaft. Aber sein Humor und die überbordende Spielfreude seiner vier Darsteller gibt dem Stück auch eine Leichtigkeit, die Hoffnung macht. Hoffnung auf Annäherung, auf Verständnis, vielleicht auf Versöhnung. Genau diese Leichtigkeit rückt die Inszenierung auch so weit vom kitschigen Betroffenheitstheater ab, in das Produktionen mit einer allzu klaren Botschaft so leicht abrutschen. Dieses Stück aber ist frei von Pathos, von direkter Anklage, von Tränendrüse. Genau aus diesem Grund berührt die Produktion von “Wo ist Zukunft” auch umso mehr.

Foto: Dave Grossmann