„Stören“ Failrezension:
Die Stör-Wikinger
vom Schwarzen Meer

„Stören“ nannten die Sotschi-Fischer des späten 19. Jahrhunderts die Kaviarproduktion. Lange Zeit kamen die Gewinne nur der adeligen Oberschicht zugute. „Stören“, nach einem Entwurf von Fjodor Schtoeronoff, setzt ein Zeichen für Umweltbewusstsein und sozialen Ausgleich.


D as Sextett vom Maxim-Gorki-Theater präsentiert mit „Stören“ ein Störfischer-Drama im Stil der postdostojewskischen „Sotschi-Gruppe“ um Soeren Gyrlowitsch, Ursoeren Luyenbergoff, Fjodor Schtoeronoff und Michail Stoergiz, das den Übergang vom unreguliert-komparativen Stör-Wildfang zum ökologisch-kooperativen Stör-Aqua-Farming markiert.

Der Konflikt entzündet sich an der bekannten „Störe-Stören-Szene“, hier um eine schwarze, unerklimmbar scheinende Mauer herum inszeniert: Der junge Fischer Sören weigert sich, dem kranken Grundbesitzer Trisomow, der trotz seiner Behinderung zur Störfischerei aufs Schwarze Meer hinausrudern will, die verrosteten Ruderdollen zu reparieren: „Dann soll’s so sein: Eher Untergang (…), als dass ich diesen da hinausrudere, damit er unsere Störe stört!“ Wutentbrannt uriniert der Adel auf sämtliche Fischerboote, der Protest ihrer Besitzer bleibt ungehört.

Gemeinhin wird diese Szene als früher Beleg widerständiger Praxis gegen die rücksichtslose Behandlung von „Mutter Russland“ durch die adelige Oberschicht, die „verlorenen Söhne“, verstanden: ein Prozess, den Öl-und-Gas-Oligarchen mit staatlicher Unterstützung bis in die russische Gegenwart fortsetzen und der seit Stoergiz‘ Zeiten künstlerische Interventionen provoziert. In Gürlers Inszenierung finden sich neben Greenpeace-Romantizismen und auf den illiberalen „Neo-Zarismus“ zugespitzten Echos kontemporärer Polit- und-Popkultur auch klare umweltpolitische Forderungen. So wird die Problematik der Wasserverschmutzung- und Verschwendung in das sprichwörtliche Versprühen-von-sauberem-Wasser hineinprojiziert: Das ist Berliner Choreo-Realismus par excellence.

Gürler scheint die „kanonischen“ Störkheimer-Kaffia-Interpretation dem antiszientistischen Rost-Ansatz vorzuziehen, indem sie den frühsozialistischen Impetus des Sörenschen Unserkeits-Deklaration betont. Trisomows symbolisch aufgeladene Behinderung kontrastiert offensichtlich mit Sörens ursprünglich-naturverbundenem „Küstenhumanismus“, von dem Stoergiz in seinen Tagebüchern so leidenschaftlich zu berichten weiß. Doch die eigentliche Antithese des ohnehin zum Tod „in den Stürmen“ verurteilten Trisomow – wobei sich in den „Stürmen“ über dem Meer die der Geschichte ankündigen – stellt der ausbeuterische Kaviarhändler Alberich Möhrenfried aus Deutschland dar. In seiner Rolle als naturfremder Ausbeuter, als „teuflischer Kunde“ ist er Sören diametral entgegengesetzt. Anders als Trisomow kann sich Möhrenfried der revolutionären Praxis Sörens zumindest vorläufig entziehen.

Auch darum wird in Sörens berühmter Schlussrede der universalistische Anspruch der wahrscheinlich ältesten sozioökologistischen Tradition Russlands betont: „Auf Sotschi, Samsun, Istanbul, Möhrenfrieds Hamburg, Amsterdam und New Jork [sic!] stößt unser Zorn wikingergleich hinab in unseren roten Stör-Schiffen! (…) Feuer, Tod und Pest!“

Die Referenz an den Wikingersturm und dessen Ineinssetzung mit der geforderten sozioökologistischen Expansion „an alle Enden der Welt“ wird von der Inszenierung nicht weiter verfolgt. Dennoch: Gürlers Inszenierung wird als minimalistisch-choreorealistisches Denkmal für den Beginn der wahrscheinlich ältesten Ökologie-Tradition Russlands in Erinnerung bleiben.