Look at me!:
Die Relevanz des Kollektivs

„Look At Me!“ von der Junior Company Bonn ist nur schwer als stringent durcherzähltes Stück zu erkennen. Es schafft aber mit beeindruckender Stärke, Gedanken zu den großen Themen der Jugend – Individualität, Selbstfindung, Anpassung – zu evozieren.


Individualität als Produkt. Was wie ein Widerspruch klingt, ist spätestens seit dem Aufstieg sozialer Netzwerke in unser alltägliches Leben Realität geworden. Zu sich selbst zu stehen, oder es zumindest so darzustellen, hat sich zu einer Marke entwickelt. Selfies mit dem Lieblingsbuch oder in einer Ausstellung. Den eigenen Musikgeschmack den Freund*innen mitteilen, das Profil selbst gestalten. Der gesellschaftliche Rahmen, den sonst die Schule und die Erziehung der Eltern um einen spannten, scheint aufgelöst. An seine Stelle ist die Selbstinszenierung mit Instantfeedback via Kommentarleiste und Likes getreten. Das klingt kritischer, als es gemeint ist.

Wie in sozialen Netzwerken stehen die Tänzer*innen der Junior Company Bonn während ihres Stückes stets unter der Beobachtung eines Publikums: Wenn einer der Darsteller*innen sich umdreht, können seine Bewegungen über die Spiegel, welche an der Rückseite der Bühne angebracht sind, weiter verfolgt werden. Die Stimmung ist – passend zum Swingstück – ausgelassen. Hier und da wird sich verbeugt, gelacht. Die Mimik und Gestik der Darsteller*innen sagt: „Look at me!“

Swingtanz wurde kontinuierlich als Bruch zwischen Auftritten einzelner Tänzer*innen verwendet. Der/Die sonst vorhandene Tanzpartner*in wird durch das Publikum ersetzt. Die Darsteller*innen bestimmen individuell ihre eigenen Einsätze, es scheint keine festgelegten Positionen zu geben. Dennoch bewegen sie sich zur selben Musik, im selben Takt mit Tanzschritten, die im Rahmen des Swing erlaubt sind. Es herrscht eine Art Scheinindividualität.

Einen Kontrast zu den Swing-Einlagen bilden die ruhigeren Abschnitte untermalt von stimmungsvollen Soundcollagen. Pärchenweise oder allein schweben die Tänzer*innen über die Bühne. Contemporary Dance als Gegensatz zu durchgetaktetem Swing. Die schier unendliche Menge an Bewegungsformen scheinen Hoffnung auf wahre Individualität zu machen. Dann bildet sich plötzlich ein Kreis, aus dem ein*e einzelne*r Tänzer*in ausbricht, aber schnell wieder vom Kollektiv verschluckt wird.

Immer wieder bewegen sich Paare über die Bühne. Als Hommage an die griechische Sage von Orpheus und Eurydike. Sie bilden ein harmonisches Miteinander, das nicht zu einer Masse verschmilzt, sondern losgelöst voneinander funktioniert.

Als Einschränkung wird jedoch auch die Problematik einer kompletten Abkapselung von der Gesellschaft beschrieben. Zu dem Song „Lonely“ von Akon bewegen sich einzelne Darsteller*innen durch den Raum. Sie tragen Kopfhörer, welche die anderen daran hindern nachzuvollziehen, wozu sie sich bewegen oder warum. Die Tanzenden mit den Kopfhörern werden geschüttelt und verwirrt von ihnen gemustert. Entfremdung vom Kollektiv als Nebeneffekt konsequenten Einzelgängertums.

Die jüngsten Darsteller*innen setzen kindliche Unbekümmertheit authentisch in Szene. Sie wirken unbeschwert, frei von allen Normen und bringen das mit tänzerischem Talent zum Ausdruck.

Die Sage von Orpheus und Eurydike findet seinen Höhepunkt als Orpheus versucht, seine Geliebte aus der Unterwelt zu retten. Hades, der Gott der Unterwelt, verspricht, dass Orpheus, wenn er zurück in die Welt der Lebenden geht, ohne sich umzudrehen, wieder mit Eurydike vereint wird. Während seines Aufstiegs werde Eurydike die ganze Zeit hinter ihm hergehen. Kurz vor seinem Ziel packen Orpheus Zweifel und er dreht sich um. Eurydike wird zurück in die Unterwelt verbannt und er bleibt zerstört vor Liebeskummer zurück. Den Schluss des Stückes bildet der verzweifelte Versuch von zwei Tanzenden, sich zu fassen. Sie rennen hintereinander her, springen aneinander vorbei, können sich aber nicht festhalten. Zwei Individuen, denen es trotz ihrer Nähe zueinander nicht gelingt, als Einheit zu funktionieren.

Hängen bleibt der Gedanke, dass ein Taschenspiegel die Sage um Orpheus und Eurydike zu einem glücklichen Ende hätte führen können. Aber welche Bedeutung hat dieser Spiegel bezogen auf die moderne Gesellschaft? Steht er für Facebook und den Wunsch nach Selbstinszenierung, oder doch für die kindliche Freiheit von Zwängen? Oder gar keins von beidem?

Look At Me ist ein Stück, über das man noch lange nachdenken kann. Jeder für sich. Ganz individuell.


Foto: Dave Großmann