DIE KUNST, KEINE BLAUEN
FLECKEN ZU BEKOMMEN

Neben dieser Wiese am Potsdamer Platz werde ich mir ordentlich wehtun. „Es wird jetzt nicht so monstermäßig krass“, sagt Coach Ben Scheffler vor unserer ersten Trainingseinheit Parkour. Ich stehe zwischen Gänseblümchen in einem Kreis mit vierzig Teilnehmern und bekomme erste Zweifel. Als einzige habe ich keine Sportklamotten an. Meine Hose ist zu eng und war zu teuer, um mich damit später auf dem Boden zu wälzen.

„Es ist eine Fluchtkunst”, erklärt Ben, „kein typischer Fun- und Trendsport, sondern eine Lebensphilosophie“. Der Hintergrund ist so ernst wie er klingt: Ursprünglich kommt Parkour aus dem Vietnamkrieg, der Soldat Raymond Belle brachte die Bewegungen mit nach Frankreich. Sein Sohn David Belle machte daraus einen neuartigen Fortbewegungsstil, heute gibt es das meist in großen Städten.

Um mich herum wird gehüpft und gelacht, doch so bleibt das nicht lange: Wer sich setzt oder die Hände in den Hosentaschen hat, muss zehn Liegestütze machen – so will es der Trainer. Parkour erfordert ein Höchstmaß an Konzentration, diszipliniert werden wir von Anfang an.

Beim Warmlaufen geht es bergauf, bergab, rückwärts, seitwärts – nach wenigen Schritten werde ich mit meiner eigenen Luschigkeit konfrontiert. Aber Pause machen ist nicht. Wir biegen ab auf einen Betonplatz. Als Ben zu Beginn erzählt, dass Parkour viel mit Emotionen zu tun hat, rolle ich mit den Augen. Jetzt stehe ich zusammen mit meiner Gruppe auf einer festmontierten Metallwippe. Leute, die ich noch nie gesehen habe, helfen mir, nicht herunterzufallen.

Aber das sind nur Vorübungen. Passement rapide (zu Deutsch: schnelle Überquerung) heißt die Bewegung, die wir heute lernen. Damit werden Hindernisse von der alltäglichen Größe von Gartenzäunen überwunden. Ist ja nichts, denke ich, und nähere mich der Wippe. Ich merke: Ein knapper Meter kann verdammt hoch sein. Mit einer Hand am Hindernis abstützen, ein Bein daneben setzen, seitlich hinüberschwingen. Bei Trainer Jannis sieht das aus wie ein Spaziergang. Ich nehme Anlauf, bleibe kurz vorher stehen, nehme nochmal Anlauf und springe hinüber – irgendwie. Weil ich weiß, dass auf der anderen Seite keine Turnmatte, sondern nur Beton liegt, überlege ich mir jede Bewegung genau.

Die Sicherheit einer Sporthalle kann man hier nicht erwarten – die Fluchtkunst gründet sich auf den unbedingten Wunsch, zu überleben: effizientes Abhauen.

Ich hänge einen Moment lang meinen Gedanken nach und knalle mit den Knien gegen das Geländer. Falls so eine Ablenkung glimpflich ausgeht, hat man wie ich zwei große blaue Flecken. Andere kommen bei der Landung falsch auf, brechen sich den Knöchel oder ein Bein; so geschehen bei zwei Teilnehmerinnen des Workshops.

Nachdem ein Krankenwagen die beiden abholt, löst sich die Stimmung ein wenig. Bei einigen nehmen die Hemmungen zu, andere sind geborene Flummis und nehmen eine Hürde nach der anderen. Wir rennen Wände hoch oder springen weniger galant dagegen. Bis zum Krafttraining ist alles noch zu schaffen. Mit plattgetretenen Kaugummis und spitzen Steinchen vor Augen sind beim Muskelstählen alle wieder leise. Die Trainer fordern uns. Wer aufhören will, „geht zurück in die Grundposition, aber hört nicht auf!“, heißt es. Ich bin genervt und kann mit dieser Haltung nichts anfangen. Viele haben Spaß, aber zu viele tun sich weh. Ich beneide die Leute, die sich mit Nudelboxen vom Chinesen in der Sonne auf der Wiese fläzen, während ich mich ungelenk auf dem Boden herumschiebe.

Im September haben die Tänzer vom Tanztreffen der Jugend schon einmal geübt, wie man am besten abhaut. Vielleicht kennen Tänzer ihren Körper noch ein Stückchen besser als Schauspieler – und sicherlich besser als ich. Muss ich Tänzerin sein, um hier unbeschadet rauszukommen?

Am Ende dürfen wir wieder sitzen. Einige inspizieren neue Blasen an ihren Füßen, andere sprechen mit ihren Nachbarn von der Wippe. Parkour balanciert zwischen Körperlichkeit und Spiritualität, es ist mehr als ich von Sport je gewohnt war. Es war durchaus “monstermäßig krass”. Dem Versprecher eines erschöpften Teilnehmers kann ich mich nur anschließen: „Wir sind beendet.“