Wie man am besten
über einen Zaun springt

Ein Workshop mit dem Parkour-Coach beim 1. Tanztreffen der Jugend

Die Liegestützsprünge sind nur zum Aufwärmen da. In einigen Minuten werden sieben junge Tänzerinnen und Tänzer hinter dem Haus der Berliner Festspiele auf einem Eisengeländer balancieren und sich über Zäune schwingen, als wäre jemand hinter ihnen her.

„Parkour ist die Kunst der effizienten Fortbewegung“, erklärt Parkour-Coach Samson Saathoff. „Effizienz heißt: schnell, sicher, kontrolliert, energiesparend.“ Coach Franz Schönberger fügt hinzu: „Es ist eine Fluchtkunst. Stellt euch vor, ihr lauft vor einem Hund davon. Ihr müsst über Mauern und Zäune. Es geht nicht darum, dass es gut aussieht. Es ist wie eine Vorbereitung auf einen echten Notfall.“

Weglaufen statt Tanzen, Ökonomie statt Ästhetik. Kein Alltag für die Teilnehmer beim ersten Tanztreffen der Jugend. Parkour stammt aus Frankreich, wurde Ende der Achtziger von David Belle begründet. Es versteht sich nicht als Sport, sondern als Fortbewegungskunst.

Bei Parkour gibt es keine Regeln und keine Wettbewerbe. „Es ist eine Lebensphilosophie“, sagt Franz Schönberger. Was er den Tanzenden in den nächsten zweieinhalb Stunden vermitteln will, sind Grundwerte dieser Philosophie, die sich an den Fingern einer Hand abzählen lassen.

Der Zeigefinger steht für Vorsicht. Gerade sind die Tanzenden über Bordsteine balanciert, jetzt geht es aufs Betongeländer einer Parkrampe. „Parkour ist so gefährlich, wie ihr es euch macht“, sagt Franz Schönberger. „Macht nur das, was ihr euch zutraut. Und werdet nie nachlässig. Wer die Hände in den Taschen hat, ist nicht aufmerksam. Wenn ich jemanden mit Händen in den Taschen sehe, muss er zehn Liegestütze machen.“

Der Gänsemarsch von sieben Tänzern auf dem Betongeländer bleibt nicht unbeobachtet. „Könnt ihr das bitte lassen?!“, ruft plötzlich ein Nachbar. Widerwillig springen die Parkour-Schüler auf die Parkrampe. „Das gehört dazu“, beschwichtigt der Coach. Wer Parkour betreibe, sei überall nur zu Gast und müsse Respekt haben.  „An den Respekt erinnert uns der Mittelfinger“, sagt Franz Schönberger. „Denn wer andere respektiert, zeigt ihn niemandem.“

Foto: David Holdowanski Die nächste Station ist das umzäunte Lüftungsgitter hinter der kleinen Seitenbühne. Frank Schönberger schwingt sich über den Zaun und geht in die Hocke für ein nächstes Briefing. „Beim Parkour muss sich keiner mit dem anderen messen“, sagt er. „Es gibt kein gut oder schlecht, kein Daumen hoch oder runter.“

Jetzt wird der Zaun erobert. „Klettert auf den Zaun und spart dabei so viel Kraft wie möglich“, sagt Franz Schönberg. Eine leichte Aufgabe: Die Tänzer setzen sich aufs Geländer. Doch es wird Schritt für Schritt schwerer: „Und jetzt haltet mindestens einen Fuß auf der Stange“, sagt der Coach. „Und jetzt versucht, nicht mehr zu sitzen. Und jetzt stützt euch nicht mehr mit den Händen.“ Zitternd richten sich die Tänzer auf dem Geländer auf, spüren mit ausgestreckten Armen ihrem Schwerpunkt nach, setzen behutsam ihre ersten Schritte.

Foto: David Holdowanski Springen ist leichter als Balancieren: In der nächsten Übung sollen die Tanzenden frontal auf den Zaun zulaufen, sich mit einer Hand abstützen und hinüberschwingen, dabei kann ein Fuß zur Stütze das Geländer berühren.

„Passement rapide“ heißt das im Jargon der Parkour-Künstler, schnelles Überwinden. „Wenn ihr leise auf dem Boden aufkommt, macht ihr es richtig“, sagt Franz Schönberger. „Denn das heißt, dass nicht so viel Kraft abgefedert werden muss.“

Je öfter sich die Tänzerinnen und Tänzer über den Zaun schwingen, desto harmloser und kleiner scheint der Zaun. Bald wird klar: Ein Parkour-Künstler bewegt sich anders durch die Stadt. Für ihn ist ein Zaun kein größeres Hindernis als ein Bordstein, für ihn werden schier unerreichbare Ecken und Winkel der Stadt zum Spazierweg.

Foto: David Holdowanski Am Spielplatz wartet Samson Saathoff. Hier geht es um Vertrauen, der vierte Grundsatz der Parkour-Kunst, verkörpert durch den Ringfinger. Die Parkour-Schüler müssen gemeinsam ein Klettergerüst besteigen – aber ohne die Bretter und Plattformen zu berühren, die eigentlich zum Klettern da sind.

„Kein guter Einfluss für die Kinder“, ruft eine Teilnehmerin, während sie wie ein Gecko an der Außenwand der Holzhütte entlang klettert. Die Kleinen im Sandkasten achten aber gar nicht auf die Tänzerinnen und Tänzern, schaufeln mit großen Augen kleine Burgen im Sand.

Parkour-Kunst auf dem Spielplatz: eine unerwartete Kulisse für einen Workshop bei einem Tanz-Festival. Für Samson Saathoff passen Parkour und Tanz aber gut zusammen.

Seit zwei Stunden sind die Parkour-Schüler mit ihren Coaches unterwegs. Drei Mal haben sie das Klettergerüst bestiegen. Einen Actionfilm hätte man daraus nicht drehen können. Und von Dach zu Dach gesprungen ist auch keiner. Doch das ist ganz im Sinne der Parkour-Kunst. „Der kleine Finger“, sagt Franz Schönberger, „steht für Bescheidenheit. Wer ohne Vorbereitung von der Mauer springt, ist einfach dumm.“ Und wer ein Parkour-Künstler werden will, muss den Mut haben, auf zu schwere Aufgaben zu verzichten. „Dafür steht die Faust“, erklärt der Coach, „die  vereinten fünf Finger der Hand.“

Frank Schönberger ruft die Gruppe zur letzten Aufgabe zusammen: das Krafttraining. Es besteht aus vier intensiven Minuten mit Liegestützsprüngen und Klimmzügen. Die Tanzenden kommen schnell ins Schwitzen. „Uns ist es wichtig, mit dem eigenen Körpergewicht zu trainieren“, erklärt Franz Schönberger. „So trainieren wir mit dem Gewicht, mit dem wir auch beim Parkour arbeiten.“

Die sieben Tänzerinnen und Tänzer sind außer Atem. Auf dem Weg zurück zum Haus der Festspiele resümieren sie ihre ersten Parkour-Erfahrungen. Und bestätigen Samson Saathoffs Vermutung, dass Tanz und Parkour-Kunst sich gegenseitig inspirieren können.

Mehr Infos zum Parkour gibt’s unter www.parkourone.com/regionen/deutschland/berlin

Fotos. David Holdowanski