Die eigenen Worte

Ein Essay zum Autobiographischen

Man sieht es auch an der Statistik des diesjährigen ttj: 116 Bewerbungen, davon 28 Textrealisationen, 29 Textadaptionen, 59 Eigenproduktionen. Die Zukunft scheint im Jugendtheater nicht „Antigone“, „Kabale und Liebe“ oder der „Hamletmaschine“ zu gehören, sondern den Eigenproduktionen. Also Stücken mit eigenem Text. Und das scheint auch einleuchtend: Im Jugendtheater wollen die Spieler von sich erzählen, von Dingen, die sie bewegen. Und das geht oft am besten in den eigenen Worten. Aber was heißt eigentlich: in eigenen Worten?

Texte für Eigenproduktionen können im ganz klassischen Schreibprozess entstehen; jemand sitzt an einem Tisch oder in der U-Bahn, vor einem Computer oder einem Notizblock mit Eselsohren. Texte können auch bei den Proben entstehen, durch Improvisation, Brainstorming, Gruppenarbeit. Und dann gibt es noch eine andere Form: Man spricht mit den Spielern über sie selbst. Einzeln oder in Gruppen, formlos oder in Interviews, man nimmt auf oder schreibt mit. Es geht um Träume, Wünsche, Ziele, Erfahrungen; um das eigene Leben, die eigene Biografie, die eigene Sicht auf die Welt. Was gesagt wird, wird zum Theatertext. Bei den Proben oder durch den Dramaturgen. Und dann ist der Zuschauer mit Texten konfrontiert, die er nicht nur glauben soll, weil sie ernst gemeint sind, sondern auch noch, weil sie wahr sind, echt, autobiografisch, authentisch.

„Man kann alles erzählen, nur nicht sein eigenes Leben“, lautet ein berühmtes Max-Frisch-Zitat. Und wenn man aber genau das versucht? Das eigene Leben zu erzählen?

Vielleicht könnte man es auch so formulieren: Man versucht in einem fort, das eigene Leben zu erzählen. Mit jedem Satz, jedem Blick, der gewählten Kleidung, jeder ausgedachten Geschichte; ständig versucht man, etwas über sich zu erzählen, andere davon zu überzeugen, dass man so und so ist und dieses und jenes erlebt hat. Wenn man genau das auf die Bühne transportiert, entstehen vielleicht zwei verschiedene Effekte.

Es gibt Zuschauer, die diese Offenheit, diese versuchte Ehrlichkeit der Spieler berührt, weil eine emotionale Bindung entsteht, wenn eine Geschichte gar nicht ausgedacht ist, sondern wirklich passiert ist. Die gespielten Emotionen werden plötzlich leichter nachempfunden. Vielleicht kann also so Vermittlung von Inhalt unmittelbarer, eindrücklicher erfolgen.

Aber es gibt auch Zuschauer, bei denen sich gerade an dieser Stelle dieses ganz große Misstrauen einstellt: Man kann doch gar nicht erzählen, was wirklich passiert ist, sowieso nicht, und dann noch weniger in der Kunst, auf einer Bühne. Also da, wo alles geprobt und ausgefeilt wird, verkürzt und verdichtet, mit Gesten und Requisiten ausgestattet, mit Dingen in Beziehung gesetzt, mit denen es ursprünglich natürlich nicht in Beziehung stand. Aber andernfalls wäre ja keine Interaktion möglich.

Wo sich vielleicht die verschiedenen Zuschauer einig wären: Was man am Ende auf der Bühne sieht, ist ein künstlerisches Produkt. Aber inwieweit ist das dann noch authentischer als etwas, das nicht auf der Basis von autobiografischen Statements entstanden ist?

Sobald autobiografische Texte künstlerisch verfremdet sind, was in dem Moment passiert, wo sie nicht mehr spontan gesprochen werden, sind sie doch nicht wahrer als jeder andere Text auch. Ist nicht im Theater und in der Literatur jeder Text gleich wahr oder unwahr? Aber wo ist dann der Mehrwert?

Beim Zuschauer kann das Wissen um einen autobiografischen Gehalt des Dargestellten vielleicht drei verschiedene Dinge auslösen. Die maximale Empathie mit den Spielern. Ein Misstrauen gegen den Text. Oder auch ein Zurückweichen vor der aufgezwungenen Intimität, aus Angst vor unfreiwilligem Voyeurismus.

Und so ist die Frage auch, was passiert, wenn man auf der Bühne sich selbst spielt, spielen will. Es scheint doch so zu sein: Entweder man spielt sich immer selbst (siehe oben) oder man kann sich nie selbst spielen. Denn wie soll man so weit aus sich selbst herausgehen, dass man einen Außenblick auf sich selbst entwickeln könnte, was doch nötig wäre, um sich selbst darzustellen?

Vielleicht geht es also bei diesen autobiografischen Eigenproduktionen kaum noch um Spielen, eher um Sein, Sein in künstlerischen Formen, wo eigene Gedanken fixiert und damit zu Text werden – und dann in theatralen Formen präsentiert werden. Und vielleicht geht es damit auch weniger um den Zuschauer, um den Mehrwert für den Zuschauer, als vielmehr um die Selbstdarstellung, die Selbsterfahrung der Spieler. Die ein Forum, eine Plattform bekommen, um sich auszudrücken, aber auch um sich selbst kennen zu lernen durch dieses Aus-sich-selbst-Herausgehen, diese Außenperspektive, was eben doch erfolgt, sobald ein Text verdichtet wird, aufgeschrieben, in einen Kontext gesetzt wird, wiederholt und wiederholt und gesprochen. Auf einer Bühne.

Vielleicht ist also die autobiografische Eigenproduktion die Theaterform, die konzentriert, worum es im Jugendtheater wohl immer geht: die eigenen Worte zu finden.