Die anderen da oben oder: Forum Praxis

Beinah unsichtbar für die meisten Preisträger*innen, die zwischen Leseprobe, letzten Textüberarbeitungen und Kaffeegesprächen durchs Festspielhaus wandeln: das Forum Praxis im Obergeschoss.

Die Teilnehmer*innen sitzen – ganz nach dem gestern etablierten Muster – im Kreis. Und weinen, jubeln, schluchzen, erschrecken sich, stottern, rätseln. Rufen sich gegenseitig Anweisungen zu und werden manchmal zu Robotern: sich einen fremden Text lesend aneignen, dabei Emotionen – von anderen als „Regieanweisung“ spontan hineingerufen – improvisatorisch performen, die Möglichkeiten der eigenen Stimme erkunden: das war eine der ersten Aufgaben des Vormittags.
Später flüstern die Teilnehmenden sich Satzfetzen ins Ohr und spielen Geschichtenpost.
Vor allem jedoch wechseln sie in diesem Workshop die Perspektive: vom Lehrenden zum „Schüler“; von denjenigen, die Schreibaufgaben verteilen, zu Schreibenden.

Denn das Fortbildungsangebot, das parallel zum Treffen junger Autor*innen läuft, richtet sich an Pädagog*innen und soll die Vermittlung von Kreativem Schreiben in Schulen fördern. Dieses Jahr nehmen vor allem Deutschlehrer*innen teil, sie kommen aus Mainz, Frankfurt, Magdeburg, viele aus Berlin. Einige leiten in ihren Schulen bereits Lyrik-AGs, andere wollen das kreative Schreiben zukünftig vermehrt in den Unterricht integrieren.

Nach Werkstätten zu Epik, Drama und Lyrik geht es dieses Jahr um den Poetry Slam. Dalibor Marković, Slam-Poet, der selbst regelmäßig Schreibworkshops für Jugendliche durchführt, leitet den Workshop. Für den Aufbau orientiert er sich dabei bereits an Text: „mal explosiv, mal in sich gekehrt, mit Höhen und Tiefen im Spannungsbogen“, beschreibt er das Konzept.

Es werden 30-Sekunden-Texte geschrieben und aus dem dabei entstehenden Material anschließend Reizwortgeschichten entworfen. Die Aufgaben, die er den Lehrenden gibt, verwendet Dalibor in ähnlicher Form auch in seinen Workshops für Jugendliche.
Und tatsächlich schlüpfen die Lehrenden schnell in die Schülerrolle: „Wie lang soll der Text denn sein?“, „Bis wann haben wir Zeit?“, „Dürfen auch alle drei Worte im gleichen Satz vorkommen?“ – das Rangfoyer füllt sich mit Mittelstufennostalgie, die Lehrer*innen rufen ihre Fragen in die Runde. Lustig, denn eben ging es noch darum, dass Schüler*innen das Reinrufen verlernt zu haben scheinen und sich zu Beginn der Workshops erst einmal das Melden „abgewöhnen“ müssten.

Gleichzeitig – und trotzt dieses gelungenen Perspektivwechsels – wird das Erlebte immer wieder in die Klassenzimmer projiziert; dorthin, wo die Teilnehmer*innen diejenigen sein werden, die die Aufgaben stellen.
Um ihnen zu ermöglichen an ihren Schulen ähnliche Workshops anzubieten, gibt Dalibor zwischen den Schreibübungen theoretischen Input zur Aufgabenwahl sowie Durchführung und Aufbau eines Workshops.

Diese Verknüpfung von Theorie und Praxis und die Möglichkeit, einmal selbst kreativ zu werden, kommt bei den Teilnehmer*innen gut an. Einige sind schon zum vierten, fünften Mal dabei – der jährliche Blick über den Tellerrand hinaus und Austausch mit anderen Lehrenden sei immer wieder motivierend und inspirierend.

Hier findet ihr einige Ergebnisse des Workshops:

„OK.

Steh hier oben.

Alle gucken: Kommt jetzt was?

Was weiß denn ich?

Worte fliegen bunt vorbei. Winken fröhlich, fallen runter. Machten gestern tiefen Sinn.

Jetzt geht’s drunter

und drüber komm ich grad eh nicht.

Zunge lahmt.

Wische Tropfen von der Stirn, lächle schief und sag kokett:

Darf ich nochmal anfangen?

Ihr seid nett: ja!

Gott sei Dank. Oh, von vorn:

Ähm…Öhm…Moment…

Steh hier oben.

Alle gucken: Kommt noch was?

Ich glaube nicht.“