Die Ästhetik des Schrecklichen – Rezension zu „Hunger“

Die Ästhetik des Schrecklichen

Wow, das war aber — wirklich schön. Mit diesem Gefühl komme ich aus der Aufführung. Ein Abend voller ästhetischer Bilder, die mich immer wieder zum Staunen gebracht haben. Pastelltöne, rosa Ballons und Federn in Alufolie, eine perlmutt-schillernde Schlachtschürze, ein weißer, wandelbarer Plastikplanenraum, in dem die verschiedenen Lichtfarben besonders gut zum Vorschein kommen. Gut choreografierte Körper. Flüssige Übergänge von einem Bühnenbild zum nächsten. Sogar der schwarze Schleim aus der sauber aufgeschnittenen und gut gequetschten, genetisch modifizierten Orange tropft kontrolliert auf die weiße Plastikplane und wird gleich wieder mit ihr entfernt. Es bleiben keine Spuren. Es wird immer wieder aufgeräumt. Neu aufgetischt. Alles so sauber, so ordentlich, so schön anzusehen.

Aber wie kann etwas so Schreckliches so schön sein? Eine Szene im Schlachthaus so ästhetisch? Müsste ich nach einem Stück, in dem Hunger als komplexes Leid der Menschheit verhandelt wird, nicht zerstört und verstört aus dem Aufführungsraum kommen? Stattdessen bleibt ein begeistertes Gefühl, ein tolles Bühnenbild erlebt zu haben. Die Tische wurden spielerisch zu Schweinekäfigen, einem Laufsteg, einem Boot und einem hohen Turm umgebaut, die Plastikplanen dienten als Umhang, Vorhang, Fleischverpackung und den Raum in verschiedenen Ebenen unterteilende Bahnen.

Diese negativ und positiv aufgeladenen Bilder werden aneinandergereiht, existieren zusammen auf dem Bühnenraum. Was für ein Verhältnis spiegelt das zum Thema Hunger wider? Das Wissen über die entsetzlichen Auswirkungen der Lebensmittelindustrie, vor allem in Bezug auf Tierprodukte und Länder im globalen Süden, existiert — und trotzdem scheint es viele nicht zu berühren, die etwas daran ändern könnten. Wir bringen unseren Kindern bei, lieb zu den Tieren zu sein, während wir sie ihnen gleichzeitig auftischen. Für die Tötung eines Tieres aus Mutwillen heraus kann ein Mensch für drei Jahre ins Gefängnis kommen (Art. 26 Abs. 1 TSchG), während gleichzeitig am Tag ca. 2 Millionen Tiere geschlachtet werden, um gegessen zu werden (Fleischatlas 2014). Wie soll man das verstehen? Wie soll man damit umgehen? Indem man das Schreckliche, das Tierleid, das Menschenleid, von sich wegschiebt und so eine Trennung schafft, die ein paradoxes Leben erlaubt. Das Thema wird schöngeredet. Wenn überhaupt darüber geredet wird.

Schönes und Schreckliches existiert also gleichzeitig, Schlimmes und weniger Schlimmes in einem Zug. Und sogar im Bewusstsein des Schrecklichen gibt es für manche Menschen noch keine Grund, ihr Verhalten zu ändern. Das Schöne wird vorgezogen, wird zum Überdecken genutzt.

Es geht in der Inszenierung jedoch nicht nur um Fleischkonsum, sondern auch um Ausbeutung durch die nördliche Lebensmittelindustrie, um Essstörungen, um die Frage, wie in all dem Schrecklichen überhaupt noch etwas richtig gemacht werden kann. Durch all diese Themen zieht sich das klare, ästhetische, gut konzipierte Bühnenbild.

Die Ästhetisierung des Schrecklichen reflektiert für mich in der Inszenierung die Ignoranz und das Streben nach Schönem vieler Menschen. Aber sie bricht mit diesem Verhalten nicht. Wenn wir das Schreckliche nur in ästhetischer Verpackung ansprechen, dann bleiben die zwei Ebenen für mich getrennt. Dann bleibt der Abstand, der nicht zulässt, dass ich emotional investiert bin in das Geschehen. Dann wird mir auch hier das eigentliche Ausmaß nicht bewusst. In dem perfekt kontrollierten Rahmen zeigt sich das eigentliche Chaos des komplexen Themas nicht.

Auf der anderen Seite hat das Ästhetische den großen Vorteil, das hingeschaut werden will. Dass der schön verpackte Inhalt immer noch derselbe ist und so vielleicht bei Menschen einsickern kann, die sonst vor den brutalen und verstörenden Bildern, wie sie zum Beispiel bei PETA zu sehen sind, die Augen verschließen. Können wir einen thematisch schrecklichen Inhalt vielleicht sogar besser aufnehmen, wenn er so perfekt und makellos inszeniert ist wie das Gemüse im Supermarkt? Schmeckt er uns dann besser, der Inhalt? Wohlportioniert, wohlgeformt, ordentlich und sauber? Ich schaue ästhetisch Schönes lieber an als etwas visuell Abstoßendes. Aber manchmal ist Letzteres nötig, um zum wahren Kern einer Sache, zum eigentlichen Bestürzen, zur emotionalen, menschlichen Reaktion vorzudringen. Auch wenn das wirklich kein ‘schöner’ Prozess ist.

Lisa