Der Vortrag
und der Ort

Am Tag der Preisträgerlesung, da finden Leseproben statt. So war es und so wird es immer sein. Warum so viel Mühe in den Vortrag stecken? Höchste Zeit, seiner Bedeutung nachzugehen.


Diese Tür zur Bühne, sie kann nicht leise. Nie geöffnet ohne Quietschen, Schaben, Gewindestöhnen. Ist vielleicht auch besser so. Hier kommt oder geht niemand leichtfertig, das ist eine Entscheidung, man legt sich fest.


Kurz vorher

Gewartet wird in nervöser Langeweile. Etwas mag geschehen, etwas soll geschehen, etwas ist hier im Raum, nur ist das genug? Passiert ist hier die Langeweile, wenn vom Papier die Worte aufgehoben sind und Stimmen sie in den Raum verbringen. Nervosität geblieben. Wie siehts denn hier aus? Das schummrig gedämpfte Licht, der Raum schmucklos nahezu, hier lenkt nichts ab von den Menschen am Mike, ihren Stimmen, ihren Worten. Die Leseproben sind Ritual gewordene Notwendigkeit. Sie führen hinein in die sakral entrückte Stimmung des Kulturtempels unter dem mystisch roten Rechteck, jenem leuchtend‘ Kruzifix tiefgeorgelter Lesestunden.


Währenddessen

Wenn die Grenzen meiner Welt die Grenzen meiner Sprache sind, ist der Lesemoment das Glas, das diese Welt gleichzeitig verengt, konzentriert und bricht. Wenn nur die Kraft der Sprache – des Sprechens und des Gesprochenen – groß genug ist, die eigene Sprache des erwartungsfrohen Publikums zurückzudrängen. Fehler, besser, Löcher im Text, im Vortrag zerfetzen den Moment, der Effekt verpufft, die Welt ist wieder Welt und nicht mehr das Gelesene. Ist sie das schon, die Bedeutung des Vortags?


Die Bedeutung des Vortrags

Wo beginnt Vortrag? Wo hört Text auf? Wie verhalten sie sich zueinander? Sind sie eins, sind sie Gegenteile oder Hälften? Ist der Vortrag nur das Hörbarmachen des Geschriebenen oder erst seine Vollendung?

Ein schriftlicher Text ist immer nur der Anfang. Literatur wird das Schriftliche durch das Lesen und vor allem: das Wahrgenommenwerden durch ein Publikum. Das Vorlesen und das Im-Bett-oder-der-Bahn-Lesen sind nicht dasselbe. Ein Leser, der nicht der Autor ist, fügt dem Text sein Wissen, seine Sicht, seine Leseart hinzu. Hermeneutik. Der Vorleser, der der Autor ist, fügt dem ohnehin von ihm stammenden Text noch mehr von sich hinzu, nur was? Wie das Spiel eines auf Papier komponierten Stücks kann der Vortrag von einer Interpretation über eine aussagefreie Wiedergabe bis hin zur Zerspielung gehen oder auch zur Zerlesung. Ein schwacher Vortrag kann auch starke Texte zerstören. Was wird aus einem humorvollen Text, bedeutungsschwanger geleiert? Aus Tiraden des Leids, mit schüchternem Lächeln vorgetragen? Aus vielschichtigen Sätzen, schnell verhaspelt, überlesen? Der Vortag soll das Gegenteil tun, er soll den Text zumindest in Ruhe seine Wirkung tun lassen, noch besser: untermauern, stützen, heben.

Ein Vortrag ist noch intimer als der geschriebene Text selbst. Ein ernstgenommener Vortrag legt zusätzlich zum Geschriebenen noch das vom Autor zum Geschrieben Gedachte, Gewusste und vor allem Gefühlte offen. Oder zumindest die Fähigkeit (oder Unfähigkeit), diese auch durch Mittel des Vortrages zu kommunizieren.


Autoren sind keine Schauspieler

Sollen sich lesende Autor*innen also um das Schauspiel ihres eigenen Textes bemühen? Dem wütenden Satz den wütenden Ausdruck, der Umgangsprache die lockere Aussprache, den Charakteren charakteristische Stimmverstellungen verpassen? Wir müssen nicht, wir können. Wir helfen mit Sicherheit dem Publikum, wenn wir es tun, aber wir müssen uns bewusst sein, dass wir den Auftritt damit auf einer performativen Ebene sehen, aber war er da nicht schon immer? Verweigerung von Performance, wenn ich den Begriff schon bemühe, ist garantiert nicht die Lösung. Schon aus Respekt vor dem geschriebenen Text sollte der Schöpfer ihn nicht gleich wieder durch den Vortrag zerfleddern. Wann das passiert, entscheidet das Publikum. Trotzdem gilt: Autor*innen sind keine Schauspieler. Autoren schreiben Texte und manche lesen sie vor, und manche performen sie auch, warum auch nicht? Es lässt sich aus dem Perfomance-Können kein Performance-Zwang ableiten.


Kultur braucht einen Ort

Kultur braucht einen Ort. Der Ort muss beeindrucken, ein bisschen einschüchtern vielleicht, Macht ausstrahlen und eine ernst-sakrale Stimmung evozieren. Wie eine Vignette quetscht der Ort das Bild auf das Wesentliche zusammen und lenkt den beobachtenden Blick. Hier lenkt er sie auf die Vorlesenden und ihre Worte. Umso genauer steht jede Bewegung, jedes Wort, jede Geste unter Beobachtung. Alle Höhen, Tiefen und Fehler. Die Bühne unterstützt die Lesenden, weil sie die äußere Welt aussperrt. Nur die Tür, sie kann nicht leise.


Foto: Dave Großmann