Der Text ist eine Party –
Die FZ-Autorennacht

Die schwarze Bühnenrückwand des Theater unterm Dach hat ein Fenster. Das steht offen und lässt Luft rein und öffnet den Blick. Man sieht einen Baumwipfel, hört die Vögel. Zwitschern im Himmel, Autorennacht, sehr schön.
Ein Intro von Lydia Dimitrow schubst sanft in den Abend: „Wir sind die, die die Worte horten.“ Moderatorin Antje Rávic Strubel übernimmt, stellt sich als Texteinweiserin vor und sagt einen schönen Kunsttheoriesatz, der einfach mal zitiert gehört: „Es gibt kein echtes Leben. Nichts existiert ohne Form.“

So sieht das aus. Auch der Abend ist gestaltet: Drei Blöcke mit vier/drei/drei FZ-Autoren, zwischendurch Klavierintermezzi von dem in Jackett und karierter Bermudashort angetretenen Johannes “Molle“ Mollenkopf (der übrigens 2007 bei „Deutschland sucht den Superstar“ beim zweiten Recall war).

Also los. Lydia Dimitrow kommt zurück ans Mikrofon, mit reim- und temporeicher Lesepoesie über schwierige Beziehungen, falsche Schönheitsideale, irritierende Straßenbahnfahrten in Berlin. Ein Wort reicht ins andere, die Bilder springen mit, unmitschreibbar: „Verbundenheit, Zweisamkeit, Müdigkeit.“

Mariya Kozachenko liest die Figurenliste eines „kleinen Theaterstücks“, in dem alle der mit herrlich absurden Eigenschaften ausgestatteten Personen sich gegenseitig spielen und Adelige und Kinder sich Suppenlöffel und Löwenfiguren aus Holzbeinen schnitzen – ein charmanter Vortrag mit zum Akzent passendem Kleid.

Auf der Bühne trinken macht Spaß. David Holdowanski nimmt sich ein Glas Rotwein mit ans Lesepult, trinkt aber selten, meist verschwinden seine Händen in den Hosentaschen. Mit absichtlich monotoner Stimme liest er Prosa, die wie kurzzeilige Lyrik klingt, und eine Welt beschreibt, „die sich nicht mehr reimt“. Sich selbst zu googeln – für David der „Nullpunkt des Lebens“.

Dann Lena Stange. Eine „kurze Meditation über die Freuden der Schwerkraft“, eine Geschichte über Ich-Er-Gespräche am Strand, unter einem Riesenrad, auf Haarsprayturmfrisurparties. Man dreht sich im Kreis, so ist das eben, wovon soll man sonst erzählen – so resigniert, wie diese Pointe klingt, sind die Bilder dieser Prosa nicht.

Applaus, dann Musik, bisschen Boogie, Pedaleinsatz, Molle schüttelt die Lockenmähne, lässt nachklingen. Dann geht es weiter.

Die zweite Runde eröffnet Julia Gräfner mit einer wunderbaren Geschichte über das Muttersöhnchen Fritsche, dem der Gecko an dem Geschenkband erstickt, mit dem er das Geburtstagspräsent für seine Mutter verzieren wollte. Der hierdurch ausgelöste Abnabelungsprozess ist so vergnüglich beschrieben, man hätte dem Publikum den Applaus gar nicht verbieten können. Schönstes Bild: Fritsche am Bahnhof. Er will los, irgendwohin. Den Zug wählt er per Spuckekugelschuss auf die Abfahrtstafel aus.

Girl meets Boy – In Olga Galickas ruhigem Prosatext „Hitze“ flattert das Protagonistenprächen aneinander, erzählt sich Geschichten, fletscht beim Lachen die Zähne, verschwindet. Der hübscheste Satz: „In ihren weißen Eckzähnen spiegelt sich die Sonne.“ Und später auch die Nacht, wenn das Mädchen durch eine dunkle, mysteriöse Bücherei tanzt, in der die Bücher ihre Leser finden.

Und Action. Khesrau Behroz kommt auf die Bühen, steht, bleibt stehen. „Schweigt mit mir!“, sagt er, der Saal schweigt. Khesrau hat Zettel dabei, aber spricht – und schreit – meist frei, ein Slampoet, ein Wortschleuderer. Sein Text über einen alten afghanischen Taxifahrer in Deutschland reißt mit, die Spannung hält: „Ich war General, verdammt nochmal!“ Rockt.

Ein abwechslungsreicher Abend, eine bunte Zaubertüte! Nach dem Zwischengeklimper kommt Robert Stripling auf die Bühne. Er liest „Komisches vom Hummer und der Liebe“, streng gereimt, mit souveränem, elder-comedian-mäßigen Abwinken nach Pointen. Viel Selbstironie, viel Spaß am gereimten Scheiß, aber mit Sinn für Tragik: „Ohne Rücksicht auf Verluste / fraß der Walfisch die Languste / weil er mal was essen musste.“

Zweite im dritten Block ist Laura Naumann. Cooler Auftritt mit Blumenkleid und Lederjacke, mit schief gelegtem Kopf und Haaren im Gesicht, und einmal, zack, den Haaren aus dem Gesicht. Auch Laura macht in ihrem Text eine Zweiersituation auf: „was magst du fragst du.“ Die beiden wissen das alles nicht so genau, die Erzählerin nicht und nicht die angesprochene Person. Sie nehmen den Billigflieger nach London, aber London ist nicht der Punkt, der Punkt ist das Rumlaufen und Reden und Nichtreden und Darübernachdenkenwomaneigentlichhingehörtundwasmaneigentlichwill. Zum Beispiel: „die nacht unter leuchtreklamen verbringen.“

Dann kommt Ludwig Plath und es ist Party. Der Auftritt des jungen Räuberbarts markiert den Übergang zwischen Dichterlesung und Popmaschine. Ludwig hat sein Casio-Keyboard und zwei am Nachmittag zuvor mit Bleistift auf weiße A3-Blätter gedichtete Lieder im Gepäck. Wobei er das Konzept des „Lieds“ hier sehr frei interpretiert. Ironischer Winsel-Pop zum Thema Amore: „Ich habe uns ein Bett gebaut in Form einer venezianischen Gondel.“ Singsang, Gesumm und Gebrumm, immer wieder hektisches Casio-Geschnurpsel, „Ich wollte ein Maximum an Romantik, in die venezianische Gondel passen wir nicht nebeneinander.“ Dann spricht wieder das Keyboard, bis zum Schluss. Molles Rausschmeißer-Improvisationen reichen da nicht dran.

Später, draußen, schlafen die Vögel schon. Die Partykids im Zelt tanzen sich besoffen. Irgendwann kommt die Polizei. Mehr weiß ich nicht.