Der Tenor der Zeit

Sprechen hat früher auf der Bühne immer so funktioniert: Jeder Mensch auf der Bühne hatte eine Rolle und wenn im Textbuch der Name der Rolle stand, hat man den Text dahinter gesagt.So weit, so gut.

Seit einiger Zeit ist es aber in Mode, die Rollen aufzuweichen und aus den vom Autor gezeichneten Bildern eine lustige Suppe zu kochen, bei der Texte (das reicht von wenig bis alles) von einem Teil oder gesamten Gruppe gleichzeitig gesprochen werden. Dieses chorische Sprechen steht in antiker Tradition. Bei Sophokles gibt es Chöre, die das gemeine Volk darstellen. Wenn der Chor chorisch spricht, dann wirkt das gewaltig, weil es laut ist und kraftvoll (und so soll es ja auch sein, die antike Demokratie auf der Bühne quasi).

Auch hier beim ttj hatten wir bis jetzt jeden Abend mindestens einmal chorisches Sprechen. Oder Sprechsingen. Was macht diese – durchaus schwierige oder zumindest Übung erfordernde – Art zu sprechen so attraktiv für alle Theatergattungen?

Klar, es klingt bombastisch, wenn verschiedene Stimmen das gleiche zur gleichen Zeit sagen und auch Stimmen, die sich gut mischen (so beobachtet und bewundert am ersten Abend mit den beiden Mädchen, die Spiegelberg gesprochen haben), wenn die Grenzen zwischen den Körpern allein durch die akustische Einheit des Textes verschwimmen. Die Schwierigkeit liegt aber darin, dass es sofort seine Attraktivität und den Zauber verliert, wenn das Sprechen nicht akkurat genug ist und anfängt auseinander zu klappern, zu laut und offensichtlich angeatmet wird oder sogar – ohne es als Stilmittel zu gebrauche – eingezählt wird. Die Sprechenden brauchen ein Höchstmaß an spielerischer Offenheit und Sensibilität für ihre Mitspieler.

Also: Wozu das alles?

Wenn eine Rolle doppelt oder dreifach besetzt ist, dann rutscht das Individuum in den Hintergrund.
Da steht kein Einzelner mehr und ist DIE Emilia Galotti oder DER Karl Moor, stattdessen gibt es eine Gruppe, die den einzelnen Spieler gleichzeitig schützt und als Mitglied einer größeren Gruppe durch den direkten Vergleich mit den anderen Karls und Emilias angreifbarer macht als er alleine wäre.

Für Schulgruppen und Jugendclubs hat das natürlich den technischen Vorteil, dass man auch mit vielen Leuten Stücke mit wenigen Figuren spielen kann und nicht die zusammengefassten Rollen aufteilen muss, außerdem stärkt es durch das Einswerden mit einander das Gruppengefühl und den -zusammenhalt.

Darüber hinaus hat das vermehrte Einsatz des chorischen Sprechens meiner Meinung auch einen gesellschaftlichen Hintergrund.

Als Gegenbewegung zur Leistungsgesellschaft, in der Dinge wie Teamarbeit und Social Networking zu Notwendigkeiten stilisiert werden, werden richtige Gemeinschaften und wirkliche Gespräche miteinander wieder zum Trend. Man will nicht mehr einzeln sein, auch nicht auf der Bühne.

Chorisches Sprechen ist dabei aber kein Zeichen purer Gleichmacherei nach dem Motto „So, ihr seid jetzt mal alle Emilia!“. Innerhalb der Gruppe ist der Einzelne auch für sich, im festgelegten Rahmen sind Bewegungen, Gestik und Mimik frei und zeigen eben die Individualität der Spieler. Jeder ist einzeln und in der Gruppe.So kann eine Figur zu einer vielschichtigen, beinahe multiplen Persönlichkeit werden, kann – natürlich nur bei entsprechender Vorlage – eine Tiefe und bisher unbekannte Facetten der Figur vermitteln.

Die Vorteile von chorischem Sprechen werden von vielen Theatermachern gesehen. Wo man auch hinguckt, trifft man Regisseure, die ihre Spieler in Gruppen sprechen lassen und traditionelle, dramatische Stücke als Dialoge mit Hang zu Textflächen behandeln – man kann sich inzwischen fast sicher sein: Irgendwann wird immer chorisch gesprochen.

Nur: Wenn man so was eine Woche lang jeden Abend sieht und hört oder wenn das sowieso immer hört, wenn man ins Theater geht, dann berührt das nicht mehr. Ich stumpfe ab gegen die Kraft und den bestimmten Ton, den viele Stimmen gleichzeitig erzeugen. Das ist schade.

Weil es eigentlich eine schöne Idee ist.

P.S.: Nach einer Woche jeden Abend chorisches Sprechen: Das nächste Mal vorm Theaterbesuch einfach abchecken, ob der Regisseur zum Chor neigt. Klappt leider auch nicht hundertprozentig. Nur Not hilft da dann nur noch nicht ins Theater gehen, sondern zu Hause bleiben. Da klappt‘s immer ohne Chor.