„Der Kitsch ist
für umsonst”

Zwei Menschen stehen Arm in Arm vor einer riesigen Leinwand, weil Emotionen darauf, wie zuvor festgestellt wurde, „viel realistischer“ wirken. Auf der Leinwand laufen zwei Menschen auf ihr neues Heim zu, Hand in Hand. Es wird Flunky Ball gespielt und alles ist zu schön, um wahr zu sein.

Die Inszenierung ist in diesem Moment schon als Inszenierung entlarvt, die Kostüme ausgezogen, die Bühne aufgeräumt. Draußen rauchen schon die Schauspieler, man sieht es im Fernsehen auf der Bühne. Eine Hochzeit ist passiert und vielleicht auch eine Liebe. Happy Ending. Sinnlos?  „Sinnlosigkeit ist das Einzige was mich noch berührt“, heißt es. Man müsse die Bedeutungslosigkeit mit ihren eigenen Waffen schlagen. Diesen Versuch hat das Stück „Leona und Leonce“ unternommen.

Ob die den drei Akten entsprechend dreigeteilte Drehbühne, die doch in jedem Drittel gleich aussieht, oder die für das Verständnis völlig überflüssige Ankündigung von Akt und Szene, die dauernd auf die Fiktionalität des Bühnengeschehens verweist, oder das auf der großen Leinwand übertragene Mixen eines Getränks aus Bananen, Wodka und Sirup, das hinterher im Publikum verteilt wird – die Sinnlosigkeit ist Programm. Klassische Ausdeutung? Vergiss es! Die Bedeutungslosigkeit wird ausgestellt und bejubelt. Alles ist etwas und nichts bedeutet nichts. Wir leben in aufregenden Zeiten. Wer Hoffnung hat, wird frei von gelungenen Erwartungen. Was zählt, ist die Liebe.

Dass irgendwann noch die Hochzeit eines Königssohnes stattfinden soll, darauf kommt es kaum an. Lena ist als Charakter bestenfalls flüchtig skizziert, da ist es schon ergiebiger, wie sie durch den Raum tanzt. Das Volk wird kurz mal vom König angebrüllt, es erfährt, dass der Prinz heiratet – oder eben auch nicht. Sonst findet keine Politik statt, ein selbstproduziertes Musikvideo ist auch viel fruchtbarer. Hübsche Menschen fahren Rollschuh und einem sommerlichen See blicken sie bedeutungsvoll in die Kamera.

Wer die Sinnlosigkeit nicht verlachen und bejubeln kann, wird mit diesem Stück wenig Spaß haben. Sonst kann es ein Fest werden. Eine boulevardeske, komische Aneinanderreihung von Überraschungen und aufrechtem Deluxe-Kitsch bietet Unterhaltung und Amüsement. Das Nichts als Nichts bleibt unbestimmt. Als Etwas verweigert es sich einer substantiellen Form. Sätze mit exklusivem Klang fließen ineinander über wie die Bewegungen einer großartigen Tänzerin. Hereinspaziert, ihr Damen und ihr Herren! „Der Kitsch ist für umsonst!“ Wo bleibt das Unbehagen? Wir können das nicht deuten, nicht erklären. Sie haben gut gespielt und sie wissen es. Wenn sie auch genuschelt haben, dass man oft wenig und nicht selten nichts versteht – sie sind immer da, energisch und in Bewegung. So tritt eine Bejahung des Daseins in seiner ganzen Erlebbarkeit und Dynamik ein, und die Welt gleicht einer Leinwand, vor der zwei Menschen Arm in Arm zwei Menschen betrachten, die frisch verheiratet auf ihr neues Heim zulaufen. Sonne. Blätter. Wiesen. Die Gäste lachen, sehen gut aus und gehen, noch bevor die Sonne untergeht. Das junge Paar winkt zum Abschied. „Happy Ending“, steht in rosafarbenen Buchstaben auf einem Pappkarton.

Die Generation der Pragmatiker hat die Bühne betreten. Es wird nicht mehr gejammert, nicht solange das weiche Licht und das Bier nicht ausgehen. Ohne echte Liebe gibt es keine erträgliche Gesellschaft. Die Zukunft ist wandelbar und wundervoll. Die Natur schwingt sich auf und nieder, umspielt und umspült den Menschen wie die Welle am Strand. Dies ist der Moment. Die Rollen kann man nicht austauschen, aber annehmen, wie man sie erkannt hat. „Komm mit mir ins Wunderland. Der Eintritt kostet den Verstand.“ Ein König fragt, was alle beschäftigt: „Bin ich das – oder jemand ganz anderes?“ Ist da nicht eine entsetzliche Lücke zwischen der Krone und dem König? Singt, ihr Musen, ihr Götter der Künste, vom grollenden Bad des Zweckes. Willkommen. Es gibt keine Lücken. Nur nicht aus Liebe weinen. Wo der Verstand stehen bleibt, beginnt das Reich des Herzens. Dieses Stück bewohnt dessen mildesten Landstriche.


Foto: Dave Großmann