„Sesperado“:
Das war Hyperrealismus

Ich muss vorab gestehen, meine Ansprüche waren besonders hoch für „Sesperados – Revolution of Color“ von der akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße. Das mag unfair sein, aber ich glaube, ihr eigener Anspruch war eben so hoch.

Sie wollten vieles zugleich: empowern, aufklären, mobilisieren und der weißen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten.

Nach eineinhalb Stunden war mir klar, einer der Ansprüche hatte sich erfüllt. Eine weiße Person steht nach dem Applaus auf und behauptet, durch das Stück diskriminiert worden zu sein. Vereinzelter, zustimmender Applaus brandet auf. Kurz dachte ich, das gehöre zum Stück. Ich dachte, es sei ein genialer, hyperrealistischer Move der Gruppe, um zu zeigen, wie rassistisches Verhalten Raum nimmt und übergriffig wird, der zeigt mit welchen Privilegien weiße Menschen geboren wurden und nicht die leiseste Kritik ertragen können. Dass sie es nicht schaffen, aus ihrem Ich auszutreten und für andere Perspektiven Raum zuzulassen. Dass sie die Position des Privileges jederzeit bereit sind zu nutzen, um Kritik zum Schweigen zu bringen. Dass ihr Leid immer berechtigt ist und dass das Leid anderer niemals so schwer wiegen darf wie ihres.

Man hätte meinen können, dass nach dem Eröffnungsstück alles geklärt sei. Wenn von weißer oder männlicher Vorherrschaft gesprochen wird, dann sind alle gemeint. Nicht als Individuen, sondern als Menschen in einem Herrschaftssystem, in dem Weißsein die Norm ist. Konkret heißt das zum Beispiel, dass weiße Menschen immer als Individuen – und rassifizierte Menschen immer als Gruppe gesehen, gehört, gelesen, behandelt und angesprochen werden.

Wäre es nicht zu diesem Vorfall gekommen, wäre dieser Text anders geworden. Ich hätte darüber gesprochen, dass dieses brecht’sche Lehrstück mit seinem comichaften, elitären Agitprop-Charakter auf einen weißen Blick ausgerichtet war. Dass ich eine intersektionale Perspektive vermisst habe und Namedropping auch ein Ausschlussverfahren ist.

Stattdessen wurde mir ein Diskurs auferlegt. Ich habe nicht mehr die Freiheit, mich als Individuum ohne Markierung mit diesem Theaterstück auseinanderzusetzen. Das TTJ ist kein geschützter Raum. Viel lieber hätte ich über kritische Solidarität reflektiert. Worum es eigentlich bei diesem Stück, bei allen politischen Kämpfen und bei diesem Festival gehen sollte. Diese Chance wurde uns allen genommen, den Spieler*innen und dem Publikum. Was wir jetzt tun können, ist denjenigen zuzuhören, die wirklich von Rassismus betroffen sind, und ihnen den Raum wieder zu geben, der genommen wurde. Mal wieder.