Das schäbige Theater

(drei Tage und noch kein Manifest, das kann ja nicht angehen)

Den achtundvierzigsten 16. April ihres Lebens verbrachte die gelernte Sattelschlepperin Claudia Lohmüller auf einem Clubschiff der AIDA-Flotte, das im Zuge einer Befahrung des Indischen Ozeans am Kap der guten Hoffnung vor Anker gelegt wurde. Die AIDA-Bordband gab schwärmerische Melodien aus ihrem erfolgreichen Album Traumlandschaften zum Besten. Leichte Liköre wurden gereicht, die Gäste waren super zufrieden. Endlich mal ausspannen! Claudia Lohmüller jedoch überfiel wie aus dem Nichts ein furchterregendes Entsetzen über ihr eigenes Leben. Gerade noch wollte sie zurück in ihre Kabine laufen, um etwas Kleingeld zu holen, mit dem die auf kalter Platte dargebotenen Wurst- und Fruchtspezialitäten hätten bezahlt werden können; dass sie bargeldlos sich in die Schlange einreihte, war ihr erst an der Kasse aufgefallen (so was ist ihr noch nie passiert), da blieb sie einfach stehen und fiel dann in eine zweimonatige Ohnmacht. Aus versicherungstechnischen Gründen konnte sich das AIDA – Clubschiff während dieser Zeit nicht fortbewegen, die Lebensmittel wurden knapp. Einige Gäste starben an Hunger, zum Glück aber keine Kinder. Als Claudia Lohmüller schließlich doch erwachte, war in ihr der Wunsch nach einer frei produzierenden und durch Spenden finanzierte Performance-Gruppe erwachsen. Das wär doch mal was. Da sich an Bord auch nach langer Suche keine Mitstreiter finden lassen sollten, stellte sich Claudia Lohmüller einfach allein auf eine notdürftig zusammengeschusterte Bretterbühne und zeigte am Abend des achtundvierzigsten 16. Juni ihres Lebens ihre abendfüllende Debüt-Produktion „Laichenschmaus, Ödipus’ Ruinen. Fragmente“. Im Wesentlichen kreiste sie um das Fangen eines Fisches, die Aufzucht eines Fisches, die Vorantreibung einer Familiengründung des Fisches (alles Echtzeit) und, im letzten Akt, den Verzehr der Eier des Fisches. Ein unglücklich an den Köpfen zusammengewachsenes Zwillingspaar spielte die Oboe. Die Eier des Fisches wurden, wie gesagt, verzehrt. In Claudia Lohmüller wuchsen neue Fische heran, während die Schiffskapelle Wagners Tristan und Isolde intonierte. Die Fische verwuchsen von innen heraus mit dem Körper Claudia Lohmüllers, die bald halb Mensch, halb Fisch war. Die Fische fraßen sich durch ihre Eingeweide, da sie hungrig waren, das konnte Claudia Lohmüller nicht überleben. Alle Gäste als auch die Besatzung waren natürlich auch verstorben. Damit endete die Performance unter stürmischem Applaus.

Das hat so oder wenigstens in ähnlicher Form natürlich nie stattgefunden, war sogar komplett gelogen. Ausgedacht, erfunden, herbeifantasiert. Das tut mir leid, ist im Kern aber toll. Denn: Das ist doch die Kraft des Theaters, ist Claudia Lohmüllers Hinterlassenschaft. Ein Theater, das im vierfachen Wortsinn schäbig, geschmacklos ist, und auch völlig abzulehnen. Das sich dem Diktat der fetischgewordenen Kulturindustrie verweigert, sich die Freiheit nimmt zu sagen: Ich esse jetzt diese blöden Fische, weil es meine künstlerische Vision ist und lasse alles raus, was raus will. Weil die Gedanken und Worte eh in der Welt sind, warum nicht also auch sie dort leben lassen, aus dem Waisenhaus rauslassen, die armen Kleinen. Ich sage das alles, mache das alles und wir werden daran sterben. Weil Abstriche muss man machen. Nicht immer nur haben haben haben. Ein Theater, das auch mal Abstriche an sich selbst macht, sich quasi auf die Bühne hinrotzt, von der Produktionsästhetik her gedacht. So richtig schäbig. Dass man denkt, die armen Menschen, kann die nicht mal jemand ausbilden? Hilfe, ist ein Ausbilder vor Ort? Doch kein Ausbilder wird kommen, wir werden schäbig bleiben, unser Theater wird schäbig bleiben, weil wir (ich spreche von „wir“ in der Hoffnung, eine richtige Bewegung könnte entstehen, bisher bin ich leider allein) glauben, dass eine ungestüme Kraft darin steckt, dass die gelaichten Fische Keimzellen sind der Kunst, dass diese Kunst leben erzeugt wie vernichtet, wir werden die sein, die die Fische essen, wir werden Wirte ihrer Kinder sein, wir werden schäbig bleiben!