„Das Rudel“:
Rudelrezension

Redaktionsmitglieder des Blogs haben sich zum Rudel zusammengetan, um eine gemeinsame Rezension zu verfassen.

Rudeln begegnet man in der Theaterwelt nicht so häufig. Oftmals geht es nämlich um das Individuum. Sein Auftritt. Sein Dasein. Seine mentale wie somatische Verfassung. Das ist, was in vielen Inszenierungen im Vordergrund stehen und verhandelt werden soll. Auch in der Performance „Das Rudel“ liegt der Schwerpunkt zunächst auf dem Individuum. Auf einer jungen Performerin. Einsam steht sie auf der Bühne. Atmet. Schaut das Publikum an. Zeigt sich. Wird gesehen. Doch weiter passiert nichts. Die Einsamkeit bleibt bestehen. Stillstand.

Nach und nach legen die Tänzer*innen ihre bunten Kleider ab. Sie verlieren das, was zuvor noch als Individualität gelten konnte, sich nun aber als nicht mehr als eine Hülle herausstellt, als Make-up-Schicht auf einer menschlichen Basis. Und die unterscheidet sich, wie das Publikum nun erkennen kann, von Mensch zu Mensch nicht sonderlich: Schwarze Jumpsuits. Knieschützer. Darunter Haut, Muskeln, Energie, Emotion.

Aus der Stille und dem Fokus auf ein Individuum türmt sich peu à peu eine bunte Masse auf. Ihre Formation: Wild, bewegt, fließend. Während die Darsteller*innen einzeln in einem Gedränge aus ihren eigenen Körpern immer wieder verschwinden, erschließt sich eine kongruente Masse – sie funktionieren als Eines. Haben das Alte hinter sich gelassen.

Fragen kommen auf, sind wir eine Einheit? Sind wir gefangen? Leben wir im ständigen Vergleich?

Die Einheit bleibt der wichtigste Schwerpunkt der Performance, auch wenn die Tänzer*innen nicht immer synchron agieren. Unsichtbare Impulse entstehen, werden durch die Gruppe getragen, nehmen langsam ab und werden dabei so präzise weitergeführt, dass nicht klar ist, wann oder wo sie angefangen oder aufgehört haben. Immer wieder wird die Gruppe zerrissen. Es bilden sich neue Einheiten, aufgestaute Aggressionen werden entladen, führen zum Kampf und ebben ab. Die Emotionswallungen wirken natürlich, echt, glaubwürdig und geben der Inszenierung einen Spannungsbogen, ohne dabei auf Sprache zurückgreifen zu müssen.

Versucht man, die hervorgerufenen Emotionen in Sprache zu übersetzen, bleibt immer ein unerklärbarer Rest, eine Nuance, die nicht so genau erfasst wird wie durch die Choreografie: Die Verzweiflung darüber, trotz aller Anstrengungen ein Ziel nicht zu erreichen. Die umso größere Fremdheit in einer Gruppe nach gemeinsamer Freude. Die allmählich einsetzende Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt, was zuvor von Aktionismus verdeckt war… Unbefriedigend. Man braucht viele Wörter und kann doch nicht die gleichen Emotionen erzeugen wie eine einzelne Bewegung, ein Sprung, wie – Tanz.


Foto: Dave Großmann