„Das Rudel“:
Es atmet, es jagt

Kraftvolle Stücke machen mich fertig. In „Das Rudel“ steht ein Mädchen auf der Bühne, sie sieht nicht älter aus als zwölf Jahre. Schweiß läuft ihr übers Gesicht, sie atmet schwer. Ich habe sie mit den anderen Tänzer*innen kämpfen sehen. Beobachtet, wie die Darsteller*innen aneinander zerren, sich auf der Bühne umherschleudern. Das sind keine neuen Bilder im Tanz. Kreisförmige Choreographien, sich an den Händen halten, kennt man aus anderen Tanzstücken oder dem Theater. Doch durch die makellose technische Umsetzung und bedingungslose Hingabe der Tänzer*innen, konnte man sich dem gestrigen Stück unmöglich entziehen.

Jeder Schritt, jede Hebefigur sitzt. Getrieben von der Cellomusik schaffe ich es zu keinem Zeitpunkt, mich zurückzulehnen – ich könnte ja etwas verpassen. Ich möchte auch nicht überrumpelt werden. Dieses Gefühl von Verletzlichkeit teile ich mit den Tänzer*innen auf der Bühne. Genau wie Angst. Jeder erlebt dieses Stück anders und so ist auch diese Kritik subjektiver gefärbt als sonst. Objektivität könnte dem Stück nicht gerecht werden. Wo andere Zuschauer*innen vielleicht aufatmen wenn sie Ringelreihen tanzende Darsteller*innen sehen, kann ich nur ein Vorspiel für den nächsten Schockmoment befürchten. Es kommt dann auch so. Fließend bildet sich ein Kreis um einen Jungen aus dem Rudel. Der zu erwartenden Reaktion (ausbrechen wollen, aber scheitern) folgt der nächste Bruch: der Junge beginnt auf der Stelle zu rennen und das Rudel reiht sich hinter ihm auf. Assoziationen flackern auf: Machtkämpfe, Willenskraft, Gruppendynamik. Das Rudel fächert sich auf, der Blickkontakt zum Publikum wird stets gehalten. Vereinzelt stürzen Tänzer*innen zu Boden, raffen sich wieder auf, rennen weiter.

Den Rahmen des Stücks bildet die Alltagskleidung der Darsteller*innen. In der ersten Szene wird sie abgelegt, weicht schwarzer Einheitskleidung. Das Rudel beginnt sich zu formen, in einer gleichmäßigen Bewegung zu atmen, über die Bühne zu schleichen. In der letzten Szene wird die Kleidung wieder angelegt, vollkommen willkürlich: Junge im Kleid, Mädchen in viel zu großem Hemd. Dass keiner darüber lacht, zeigt, in was für einen Rausch das Publikum gespielt wurde. Die Tänzer*innen gehen ab. Es wird deutlich, dass sie durch ihre Erlebnisse im Rudel verändert wurden. Sie haben Teile der anderen Darsteller*innen angenommen, aber gibt es den Kern ihrer selbst noch? Klare Antworten braucht und will man nicht. Zu faszinierend ist es, für sich selbst zu entscheiden, was man für Schlüsse zieht. Die minimalistische Beleuchtung und der Verzicht auf Text machen das Stück zu einer vibrierenden Projektionsfläche.

Die Blogredaktion schleicht aus dem Saal in die Dunkelheit ihres Büros. Mehr dazu in unserer Rudelrezension.


Foto: Dave Großmann