Das Magische Theater – Day 6: Über Puppen und Eisenbahnen

Es hat wahrlich eine Irritation dargestellt: Nach all den schönen, erhellenden Diskursen mit den heutigen Besucher*innen des Magischen Theaters, abends die Türen zu schließen und zurück in die Realität zu gehen. Und durch die Realität zu laufen. Durch die Straßen der Realität. An einem Spielwarenladen stehen zu bleiben. Ins Schaufenster zu blicken: Eine Antithese zu erblicken.

Das Schaufenster ist zweigeteilt. Auf der einen Seite erstrecken sich grazile Puppen, mit langen Haaren, großen Augen, feinen Kleidern – meist in Rosatönen gehalten. Aufrecht stehen sie da und versuchen, Aufmerksamkeit zu erhaschen, um bald ein schönes Zuhause in einem warmen Kinderzimmer zu finden. Was wird das wohl für ein Kinderzimmer sein? Ein Foto, welches hinter den Puppen emporragt, verrät: die Puppe ist wohl dafür vorgesehen, in den Armen eines kleinen Mädchens zu schlummern.

Szenenwechsel: Auf der anderen Seite des Schaufensters erwarten mich viele Spielzeugautos, Züge, Hubschrauber, Roboter – hier überwiegen Grau-Blautöne. Hier wird eine Welt für begeisterte kleine Jungs suggeriert. Bloß kein Rosa. Bloß kein filigranes Gewand. Jungs, so scheint es, sind eher in technischen Gefilden Zuhause.

Und in der Mitte des Schaufensters? Da ist irgendwie nichts. Empty space. Da erstreckt sich merklich eine unsichtbare Mauer, welche Puppen von Autos trennen will, um eine Antithese zu konstituieren. Eine Antithese, die hartnäckig versucht, sich zu erhalten. Eine Antithese, die es nicht braucht.

Und dennoch: Die ganze Welt scheint mir durchdrungen von Antithesen – wie mir auch schon zahlreiche Besucher*innen des Magischen Theaters bestätigt haben. Antithesen – sie teilen die Menschen in Kategorien ein. In „Muss“ und „Soll“. Und Kategorien geben vor, wie eine Person mit einem gewissen Phänotypen sich zu verhalten hat. Was sie mögen muss, wo sie hingehen soll, wie sie auszusehen hat.

Das hat natürlich auch einen trügerischen Vorteil: So zu leben, ist bequem. Wenn mir gesagt wird, dass ich ein Mädchen bin, dann brauche ich mir nur die entsprechenden Attribute und Beschäftigungen – welche typisch für die Kategorie „Mädchen“ sind – anzueignen und schon bin ich dabei. Bin ein Teil der Mädchen-Community. Finde Anschluss. Gehöre irgendwie dazu.

Aber Moment mal: Wer hat eigentlich den Inhalt dieser Kategorien definiert? Und gibt es einen Konsens bezüglich dieser Definition? Nach welchen Parametern erfolgt sie? Gehen wir bei unserer Definition eines Mädchens wirklich von den anatomischen Voraussetzungen einer Person aus? Und wenn ja, was hat die Anatomie des Menschen mit den Farben der Kleidung, die er tragen sollte, zu tun? Und wo genau ist die Grenze zwischen den Kategorien „Dick“ und „Dünn“, „Groß“ und „Klein“? Was liegt zwischen diesen Kategorien? Ist da wieder dieser empty space? Dieses Nichts?

Fragen über Fragen. Sie zeigen: Eigentlich ist nichts so klar, wie einige von uns es vielleicht gerne hätten. Unsere Kategorien und Definitionen basieren auf menschlichen Annahmen – vielleicht auch auf Erkenntnissen. Doch selbst diese können und werden nie absolut sein.

Ich stehe immer noch vor dem Spielwarenladen. Und denke an ein paar Gespräche, die ich mit Besucher*innen des Magischen Theaters hatte. Erinnere mich an ein paar Gäste, die mir berichteten, sie hatten anfangs Schwierigkeiten, sich gänzlich ihrer Tanzleidenschaft zu widmen, ohne Kommentare ihrer Umwelt aushalten zu müssen. Denn irgendwie scheint die Welt des Tanzes – zumindest einige Arten von Tanz – immer noch weiblich konnotiert zu sein. Schon wieder so eine Kategorie. Eine Definition, die von Menschen vorgenommen wurde. Und an die sich dennoch viele Menschen halten. Wieso sonst schicken beispielsweise viele Eltern ihre Mädchen zum Ballett – ihre Jungs aber eher nicht so rege?

Ich stehe also vor dem Schaufenster. Blicke auf die ganzen Puppen und Eisenbahnen und wundere mich am meisten über eines: Dass die meisten Einteilungen und Antithesen sich ereignen, ohne dass die Personen, die von diesen Einteilungen unmittelbar betroffen sind, jemals gefragt wurden. Ich wurde beispielsweise – gerade in meiner Kindheit – nie gefragt, ob ich ein Mädchen bin, ob ich mich so fühle, ob ich zum Ballett gehen und mit Puppen spielen will. Ich war es einfach. Ich habe es getan. Mir wurde die Fähigkeit, mich meines eigenen Verstandes zu bedienen, irgendwie abgesprochen. Niemand hat mich jemals nach meiner Definition des Begriffes „Mädchen“ gefragt. Und ich vermute, dass viele Personen, die in den Besitz der, vor mir positionierten, Spielwaren kommen werden, niemals gefragt werden, ob sie diese wirklich haben wollen. Oder wieso sie sie haben wollen. Was sie damit verbinden. Und warum.

Der empty space im Schaufenster – die unsichtbare Mauer zwischen einer jeden Antithese: sie wird folglich bleiben. Solange wir sie unhinterfragt lassen. Solange wir an die Existenz von Kategorien glauben, obwohl wir sie selbst ins Leben gerufen haben. Natürlich: Es gibt Unterschiede. Und es wäre irreführend zu glauben, dass es sie nicht gibt. Doch noch irreführender ist es, Unterschiede nicht nach ihrem Inhalt zu untersuchen. Sich nicht zu fragen, was Unterschiede bedeuten und worin die Chancen von Unterschieden liegen. Deswegen: Wie wäre es, Puppen und Eisenbahnen ohne Leerraum im Schaufenster anzuordnen – und abzuwarten, was passiert? Wie wäre es, die Menschen gesondert zu fragen, wie sie sich fühlen, wie sie sich sehen und was sie wollen? Wie wäre es, verallgemeinernden Kategorien den Rücken zu kehren und sich achtsam mit jedem Individuum gesondert auseinander zu setzen?

Eure Alice von Parkdeck

Heute haben Das Magische Theater unter anderem besucht: