Das Magische Theater – Day 5: Über die Kunst des Existierens

Lange waren sie da. Sehr lange waren sie da. Lange saßen sie da, oder standen, oder bewegten sich, oder suchten nach einer lockeren Grundhaltung, oder atmeten ein und wieder aus. Äußerst lange waren sie da. Mit sich – für sich: Die heutigen Besucher*innen des „Magischen Theaters“. Das ist ungewöhnlich. Zumindest außerhalb der Wände des „Magischen Theaters“ ist das sehr ungewöhnlich: Mit sich und für sich alleine da zu sein. Zu existieren. Oder wann habt ihr zum letzten Mal auf die Frage „Was hast du heute gemacht?“  mit „Ich habe existiert.“ geantwortet?

Das ledigliche Existieren wird selten als vollwertige Beschäftigung gewertet. Man ist nicht da, um zu existieren, um einfach zu sein – man muss diese Existenz irgendwie auch mit Taten füllen. Mit Inhalt, der förderlich ist – für einen selbst, aber vordergründig für die anderen Menschen. Bloßes Existieren ist folglich ungewöhnlich. Doch auch andere Dinge, die inhaltlich über das schlichte Sein hinausgehen, sind seltener geworden. Oder wann hast du zuletzt, in aller Ausführlichkeit, einen Sonnenuntergang beobachtet? Wann bist du einfach mal planlos Bus gefahren, ohne ein klares Ziel zu verfolgen? Und wann zuletzt hast du dir Zeit genommen, der Musikalität des Septemberregens zu lauschen, oder (zur Abwechslung jetzt mal etwas Konventionelles:) ein Buch zu lesen? Wann zuletzt warst du für dich da?

Es stimmt: für uns da sind wir, für gewöhnlich, selten. Zu komplex sind hierfür die sozialen Strukturen, in die wir eingebettet sind. Zu multipel die Ansprüche, die an uns – als vollwertige Mitglieder einer Gesellschaft –, gestellt werden: Wir müssen da sein für die Familie, die Freunde, die Schule, den Job, den*die Paketzusteller*in, den*die Heizungsinstallateur*in, wen auch immer an der Tür wartet – und dank unseres ständigen Begleiters, namens Mobiltelephon, sind wir immer zu verorten, immer zu erreichen und können uns diesen vielsichtigen Ansprüchen und Aufgaben selten entziehen. Wir müssen da sein für die anderen und das andere – und wenn dann noch Zeit bleibt (was meistens nicht der Fall ist), können wir auch mal (ausnahmsweise!) für uns da sein, aber bitte so, dass wir uns regenerieren, um später wieder unseren Aufgaben nachzukommen.

Vielleicht gehen wir dazu einfach ins Spa? Ja, wir können doch kleine Fische an unseren Füßen knabbern lassen, oder unsere Poren mit Seealgenextrakt versorgen – das dauert auch nicht lange, maximal 25 Minuten und wenn wir damit fertig sind, können wir wieder, erfrischt und gut aussehend, für andere da sein. Wellness – ein Begriff, der erstmals 1654 im Oxford English Dicitionary Platz fand und als gute Gesundheit übersetzt wurde – dient folglich auch eher dazu, durch die Regenerierung jedes Individuums, der Gesellschaft Gutes zu tun. Womit wir also wieder bei den anderen wären.

Vielleicht wollen wir aber auch immer wieder bei den anderen sein? Das ist ja auch irgendwie einfach. Man ist eher ein*e Handlungsträger*in und ordnet sich in einer Gruppe von Menschen an, versucht ein Zusammenspiel. Okay, ja, Entschuldigung, das ist auch alles andere, als einfach, aber es ist doch anders. Man sieht die anderen, sieht ihr Sein, sieht ihr Handeln. Sieht nicht sich.

Folglich kann das Schauen in einen Spiegel – wie auch viele der Gäste im „Magischen Theater“ erfahren konnten -doch sehr herausfordernd sein, weil man sich selbst begegnen, sich mit sich befassen muss – und das, obwohl man sich gegenüber am genauesten ist. Obwohl man sein*e größte*r Kritiker*in ist. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung: Die eigene Präsenz, die man häufig nur innerlich wahrnimmt, plötzlich mit eigenen Augen zu sehen und lange zu betrachten. In die eigenen Augen zu sehen und nach Ansprüchen, Forderungen, Spiegelungen zu suchen. Oder auch – fernab aller Spiegel – Zeit mit sich zu verbringen. Mit sich im Bus zu sitzen und einfach nur vorwärts zu fahren, nicht um etwas, oder jemanden zu erreichen, sondern lediglich, um mit sich im Bus zu sitzen. Um das Gefühl zu erleben, mit sich irgendwo zu sein. Um wahrzunehmen, dass man selbst da ist. Um sich selbst kennen zu lernen, sich anzunähern, Vertrauen aufzubauen, Freunde zu werden. Mit sich.

Sich kennen zu lernen und mit sich unterwegs zu sein, ist kein einfaches Unterfangen. Und doch ist es das elementarste Unterfangen schlechthin: Oder wie kann ich sonst dem und den anderen begegnen, wenn ich nicht weiß, wer ich bin, der*die ihnen da begegnet?

Eure Alice von Parkdeck

Heute „Das Magische Theater“ haben besucht: