Das Magische Theater – Day 4: Über eine janusköpfige Gestalt namens K.

Gerade habe ich spontan beschlossen, euch ein kleines Geheimnis zu verraten: Wer „Das Magische Theater“ besuchen kommt, wird sich dort meist alleine durch den Raum bewegen dürfen. Ihr habt da sozusagen Me-Time. Und Zeit für einen Solo-Dance. Was allerdings einen exquisiten Vorzug des „Magischen Theaters“ darstellt, ist in sonstigen Gefilden selten möglich. Denn ausgenommen derer, die sich für gänzliche Askese auf einem gänzlich abgelegenen Gipfel entschieden haben, sind alle Menschen in soziale Strukturen eingebunden – genauso wie ich und natürlich auch meine Gäste im „Magischen Theater“ heute.

Mit der Einbettung in soziale Strukturen ist das aber auch wieder so eine Sache: Nicht immer kann man seinen Mitmenschen in absoluter Harmonie begegnen und wie in einem Film von Gene Kelly, beschwingt, bei jeder Wetterlage, eine Ode auf die gute Laune singen (Singing in the rain – you remember?). Manchmal tut sich hier und da Konfliktpotenzial auf, weil die Launen des Menschen sich doch eben unergründlich gestalten – oder, um es mit den Worten des guten alten Sophokles zusammenzufassen: Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mensch.

Da ist zum Beispiel diese eine Freundin, die man wahnsinnig gern hat, aber quasi nie sieht, weil sie immer erst dann am vereinbarten Treffpunkt erscheint, wenn man selbst schon längst weg ist. Der klassische Fall einer chronisch Zu-Spät-Kommenden. Was also tun, um sie mal wieder zu Gesicht zu bekommen? Nach absolvierter Problemanalyse – und das ist schon ein tiefgründiger Prozess, benennen zu können, was eine*n am Verhalten einer anderen Person konkret stört und ob die Störung tatsächlich real, oder nur projiziert ist – ist das Problem jedoch keineswegs behoben, im Gegenteil: Jetzt zeigt sich das eigentliche Dilemma: Schweigen und hoffen, dass ein Wunder geschieht und die chronisch Zu-Spät-Kommende eines Morgens in der Haut einer chronisch Zu-Früh-Kommenden erwachen wird – oder sprechen und das Risiko einer Auseinandersetzung in Kauf nehmen? Nun, ja. Da Wunder doch eher seltener Natur sind und Menschen für gewöhnlich sich nicht über Nacht transformieren, oder gar als Käfer wieder erwachen – wie wär`s mit Sprechen?

Sprechen ist gut. Auch wenn es – gerade im direkten Vergleich zu Schweigen – dann doch stets die Silbermedaille zugewiesen bekommt. Vielleicht weil Sprechen eine sehr schwierige Kompetenz ist, die der Symbiose mehrerer Elemente bedarf: beispielsweise Intelligenz, Achtsamkeit, Taktgefühl. Es gilt, den richtigen Moment abzuwarten, seine Kritik an der anderen Person klug zu formulieren, eine verständnisvolle Haltung einzunehmen und darauf zu achten, nicht in Verallgemeinerungen abzuschweifen, sondern direkt auf eine konkrete Situation zu zielen – schließlich stört, in der Regel, ja nur ein Detail und nicht die Person an sich.

Schwieriger als das „Kritik aussprechen“ gestaltet sich jedoch das „Kritik annehmen“. Es kratzt ja schon: wenn dir jemand einen kleinen, feinen Riss in dein Selbstbildnis eingraviert, wobei dieses Kratzen ja auch immer vom eigentlichen Selbstbildnis abhängig ist. Sind da schon viele Risse, wird allein schon das Ansetzen zu einem neuen Kratzer schmerzen. Deswegen: Cool bleiben, Leute! Und euch immer wieder vor Augen halten, dass euer Selbstbildnis an sich schon grandios ist und die Kritik kein Kratzer sein muss, sondern vielleicht ein Scheibenwischtuch, das dazu dient, den Staub, der sich auf der spiegelklaren Oberfläche angesammelt hat, konstruktiv zu entfernen. Kritik ist für die Feinpolierung wichtig. Kritik ist gut.

Eigentlich. Es gibt dann auch Kritik, die das nicht will. Kritik, die auf tiefe Risse abzielt. Kritik, die zerstören möchte. Kritik, die keine ist. Der sogenannte Neid im Kritiker*innen-Mantel. Was also tun?

Cool bleiben! Und sprechen. (Seht ihr, wie sich Sprechen in langsamen Schritten von der Silbermedaille doch zur Goldmedaille hin bewegt?) Sprechen und reflektieren: Sind die geäußerten Argumente in sich schlüssig? Gibt es Motive, die von dem*der Kritiker*in sonst verfolgt werden könnten? Wie gestaltet sich das sonstige Verhältnis zur kritisierenden Person? Wie hat es sich gestaltet? Sprechen ist sehr gut. Es erlaubt Begegnungen. Und ein harmonisches Co-Existieren in sozialen Strukturen gelingt durch Begegnungen. Ehrliche Begegnungen. Achtsame Begegnungen.

In diesem Sinne, liebe Kritisierende: Checkt mal aus, was ihr sagt. Und wie. Und warum. Und liebe Kritisierte: Checkt mal aus, was gesagt wird. Und wie. Und warum. Und vor allen Dingen: entspannt euch mal. Kritik ist nicht dazu gedacht, euer Inneres zu verletzen. Kritik ist nämlich eigentlich eine sehr Nette – wenn sie nicht gerade mal wieder ihren Januskopf aufgesetzt hat.

Eure Alice von Parkdeck

Heute „Das Magische Theater“ haben unter anderem besucht: