Das Magische Theater – Day 3: Über soziale Schaufenster

Praktisch, Handlich, Griffbereit – irgendwie liegt diesen Wörtern schon ein gewisser Esprit inne: Sie klingen so in sich abgeschlossen. Rund. Zufrieden. Sozial. Ja, doch. Einen griffbereiten Menschen stelle ich mir schon sozial vor. Stets bemüht seinen Mitmenschen entgegen zu kommen, für sie da zu sein, sie nicht lange warten zu lassen. Ein griffbereiter Mensch denkt an die anderen – und danach erst an sich.

Praktisch, Handlich, Griffbereit – die englische Übersetzung dafür ist: H A N D Y. Handy. Das gute alte (okay, nicht ganz so alte) Handy. Ich habe ein Handy. Du hast ein Handy. Er – sie – es (?) hat ein Handy. Und auch die heutigen Besucher*innen des „Magischen Theaters“ haben alle ein Handy. Das Handy ist praktisch, weil es klein ist. Ein kleines Rechteck. Ein intelligentes Rechteck. Ein soziales Rechteck – mit der beneidenswerten Fähigkeit, trotz seiner Größe, unzählige Informationen in sich zu versammeln und sie stets für uns bereitzuhalten, ohne dass wir dafür irgendwelche Mühen auf uns nehmen müssen – bis auf das allseits geliebte Thema von Datenspeicherung & Co. natürlich. Deswegen haben auch nahezu alle Menschen – zumindest in westlichen Industriegefilden – irgendwo in den Tiefen ihrer Hosentaschen, oder als unmittelbare Verzierung ihrer Handinnenflächen ein Handy. Manchmal auch zwei. Oder mehr.

Das Handy mit all seiner Handlichkeit verspricht nämlich ein sozialeres Leben, in welchem wir praktisch griffbereit für unsere Mitmenschen sind und jederzeit für sie da sein können. Aber wie oft sind wir eigentlich für sie da? Man müsste ja annehmen, dass, dank der Innovation namens Handy, alle Menschen sich nun viel öfter sehen, treffen, umarmen. Ein Idealzustand muss eingetreten sein, in welchem Zeitlichkeit eine neue Form angenommen hat, sodass alle füreinander da sein können, ohne dass jemand warten muss.

Es stimmt: Das Handy hat unsere Palette an Möglichkeiten um einiges erweitert. Wir können nun viel spontaner sein und uns viel regelmäßiger sehen. Und wir sehen uns viel regelmäßiger. Eigentlich ständig. Und es ist so einfach! Kurz die Oberfläche unseres kleinen Handys berühren und schon befinden wir uns auf einer riesigen Einkaufsstraße, auf der sich an allen Seiten die Leben unserer Freunde und Menschen, die wir interessant finden, erstrecken (wir können sogar vorbestimmen, welche Läden das sein sollen, die sich dort erstrecken) – riesige Läden, mit eigener Werbe- und Marketingabteilung. Wir brauchen nichts weiter zu tun, als zu flanieren und uns umzuschauen:

Der Laden der Freundin auf dieser Seite sieht gerade sehr sommerlich aus – auch dank ihres Fotos, vom gestrigen Sonnenuntergang. Auf der anderen Seite feiert ein gläserner Store Geburtstag. Gratuliere ihm doch! Auch wenn du ihm nun zum ersten Mal begegnet bist und deine Glückwünsche ziemlich steril formuliert klingen. Und hast du schon diesen Laden hier entdeckt? Ja, den kleinen Laden, dem es nicht so gut zu gehen scheint, der bedrückt wirkt und tiefsinnige Zeilen rezitiert. Oh, wie schade, dass du keine Zeit hast, in diesen Laden reinzugehen. So, wie in den nächsten. Und übernächsten. Denn eigentlich gehst du in keinen Laden hinein. Du schaust dir nur die Schaufenster an. Und vergibst einen Hauch an Aufmerksamkeit, bevor du weiterziehst. Ja, das Schaufenster sieht gut aus – like! –, was im Laden ist, nein, danke, ein andermal vielleicht.

Griffbereiter – dank eines smarten Telefons können wir das also sein – by the way ist das schon ziemlich absurd, wie viel Einfluss so ein kleines Rechteck auf uns haben kann -, oder uns zumindest so fühlen. Griffbereiter für einen regelmäßigen Spaziergang durch Einkaufsstraßen – durch ziemlich sonderbare Einkaufsstraßen, die unbelebt wirken, auf denen weder gehandelt, noch gefeilscht wird. Griffbereiter für einen Überschuss an Schaufenstern. Perfekt beleuchtete Schaufenster, intelligent designed – sie können angeschaut werden. Gesehen werden, aber nicht berührt. Bloß nicht. Bloß nicht berühren, oder berührt werden. Denn bei aller Griffbereitschaft, ist da doch noch etwas, das wir augenscheinlich übersehen haben: das – immer fingerabdruckfrei bleiben wollende – Schaufensterglas. Nicht wahr? …

Eure Alice von Parkdeck

Heute „Das Magische Theater“ haben unter anderem besucht: