Das Magische Theater – Day 2: Über den Umgang mit Treppenstufen

Rar ist: Sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden. Und es zu bleiben. Aus irgendeinem Grund fühlt es sich an, wie ein weiter Weg voller Kieselsteine, die an der Fußsohle schmerzen – dieser Weg, bis eine Person dazu bereit ist, zu sehen, welche Privilegien sie hat. Denn aus irgendeinem Grund schauen viele Personen zunächst auf das, was sie nicht haben. Es gibt ja immer noch etwas, das man noch nicht ist, oder besitzt. Einen Ort, zu dem man noch hinwill, eine Stufe auf der Treppe, die man noch erklimmen will. Und diese Treppe erscheint unendlich.

Und es ist auch ganz famos, dass es diese Treppe gibt. Dass es immer neue Anreize gibt, immer neue Ziele. So haben wir immer etwas zu tun, uns wird nicht langweilig, wir sind beschäftigt. Und doch bedarf es für das erfolgreiche Treppensteigen einer elementaren Erkenntnis, auf welcher Stufe man jetzt eigentlich steht und welche Stufen dahinter liegen. Aber was passiert eigentlich danach? Kann man es dabei belassen? Bei der Erkenntnis der eigenen Position auf der Treppe des Lebens?

Die Treppe des Lebens ist ziemlich fordernd. Das haben Treppen so an sich. Man muss sich irgendwie fortbewegen. Nach oben. Selbstverständlich nach oben. Oder will jemand etwa wieder nach unten steigen? Nein. Das Unten kennt man. Das Oben nicht. Das Unten ist bekannt. Das Oben noch nicht erkundet und daher attraktiv. Dieses fortwährende Treppensteigen – die Erfahrung sollten wir alle schon einmal gemacht haben – ist allerdings ziemlich kraftraubend.

Gibt es ein Rezept dagegen? Irgendeine muskelentspannende Vitamin-Brause-Tablette, die das Hochsteigen angenehmer gestalten kann? Irgendeine atmungsaktive Schuhsohle, die das Abrollen des Fußes unterstützend begünstigt?

Das Suchen nach Rezepten ist nicht überraschend. Und passt hervorragend in die Gegenwart. Immer weiter – immer höher – immer schneller. Und wahrscheinlich wird sich das Suchen auch lohnen: jemand hat schon vorgeplant, irgendein Pharmakonzern hat schon den Shake schlechthin produziert, mit welchem man nahezu federleicht von einer zur nächsten Treppenstufe schwebt. Aber wieso müssen wir dem immer gerecht werden? Diesem immer weiter – immer höher – immer schneller? Dies faustische Prinzip kann doch nicht vollends gut sein. Da stimmt doch was nicht. Oder würde Mephistopheles sonst stets hinter Faust weilen und ihn pausenlos hinauf hetzen?
Moment mal. Was ist eigentlich aus dem Satz „Verweile doch, du bist so schön.“ geworden? Wieso nicht einfach mal pausieren, inne halten, entspannen? Wieso nicht einfach mal auf der aktuellen Treppenstufe rasten? Und vor allen Dingen: Wieso ständig dieser Einzelsport? Wieso nicht einfach mal gemeinsam mit anderen Personen Treppenstufen steigen?

Nun, ja. Ganz so einfach ist es ja nicht. Dazu müsste man diese Person erst einmal auf die eigene Treppenstufe holen. Und vielleicht ist sie da ja noch gar nicht. Sondern Dekaden von Stufen dahinter. Auf dem unteren Teil der Treppe. Man müsste ihr also helfen. Irgendwie. Nach ihr rufen, ihr die Hand ausstrecken, ein Seil werfen – oder gar selbst absteigen und sich auf eine Stufe einigen, die für beide angenehm zu erreichen ist. Und man müsste sich – vordergründig – damit befassen, wieso diese Person überhaupt nicht auf der gleichen Treppenstufe steht. Ist man vielleicht gemeinsam gestartet, aber war so vertieft im eigenen Ehrgeiz, dass man die mitstartende Person vernachlässigt hat? Hatte man etwa Angst vor Konkurrenz? Der Gemeinschaftssport fordert den*die Einzelne*n folglich zur Intelligenz und Kompromissbereitschaft auf.

Die eigenen Privilegien müssen also geteilt werden. Teilung – das klingt gleich schon so negativ. So, als wäre das ganze Treppensteigen, bis zur aktuellen Stufe, umsonst gewesen. So, als würde man riesige Verluste verzeichnen, gar von der Treppe herunterfallen. Ein großer Irrtum ist das – ein Irrläufer, der hervorgeschlichen ist aus den ganzen Vitamintablettenverpackungen und Energy-Shake-Pulvern, auf welchen doch meist eine ehrgeizige Person, solo abgebildet, ihren sportiven Weg unbeirrt verfolgt.

Privilegien teilen ist nämlich nichts Negatives, kein Spiel mit dem Verlust. Im Gegenteil: ein Gewinn ist es. Man holt sich Unterstützung beim Aufsteigen. Und natürlich muss man diese Person auch manchmal von unten zu sich hinaufholen und dahingehend vielleicht auch einige Kompromisse eingehen. Dafür steht dann allerdings eine Person neben einem selbst, die dich bereitwillig festhalten kann, wenn du beim Hochlaufen daneben trittst – mit der du gemeinsame Ziele spinnen kannst und die dich empowern kann, wenn du mal wieder versucht bist, vor lauter Erschöpfung, die nächste Vitamintablette einzuwerfen oder gar aufzugeben. Probiert es mal aus!

Eure Alice von Parkdeck

Heute „Das Magische Theater“ haben unter anderem besucht: