Das Magische Theater – Day 1: Über aus der Mode gekommene Schubladen

Schubladen sind nicht mehr hip. Vielleicht, weil Schubladen das minimalistische Innenarchitekturdesign der Gegenwart irritieren? Vielleicht, weil so echtes, massiv geschliffenes Holz schon richtig teuer sein kann? Vielleicht aber auch nur, weil Schubladen aus der Mode gekommen sind.

Sie schaffen eine Illusion von steriler Sauberkeit. Und von Ordnung. Aber wer mag schon Ordnung? Diesen gewaltigen Begriff, welcher das Chaos, einen Quellort für neues Potenzial, für ungeahnte magic moments, in sich schon ausschließt? Und bei Schubladen kommt es eben zur Manifestation einer Ordnung, die nicht einmal real ist. Ganz im Gegenteil: Ein möglicher Zustand steriler Sauberkeit wird simuliert, lediglich durch das Wegschließen neuer Potenziale. Man entfernt dieses Potenzial, die magic moments, also nicht, wie könnte man auch?, nein, man sperrt sie ein. Um sauber zu wirken. Und aufgeräumt. So, als hätte man das eigene Leben gänzlich unter Kontrolle. Aber wer mag denn schon Kontrolle?

Also nein, Schubladen sind wirklich nicht mehr hip. Und eine Absenz dieser, wirklich unspektakulär aussehenden, hölzernen Schachteln täte wirklich mal gut.

Eine weitere Erkenntnis zu Schubladen: Lieblos und unspektakulär sehen sie aus. Diese geometrischen Formen, namens Schubladen. Und doch bergen sie noch eine weitere – vielleicht sogar gravierendere? – Tücke: Sie werden ziemlich eindimensional genutzt. Das sei wohl so eine Möglichkeit, um Ordnung anzudeuten. Eindimensionalität.

Der ordentliche Mensch will Ordnung. Und kein Chaos. Denn Ordnung und Chaos, nein, sie ziehen sich einfach nicht an. Und der ordentliche Mensch braucht Sicherheit. Eine seltsame Form von Sicherheit, eine Sicherheit, die ihn nicht fordert, sondern in seiner Bequemlichkeit fortgedeihen lässt. Denn diese Sicherheit verspricht ihm: Du brauchst nur Schubladen nach Arten, oder Spezifika sortieren, allem eine Zuschreibung verleihen und schon ist dein Leben einfacher, denn je und du kannst entspannt und sehr blind durchs Leben gehen, schließlich hast du eine trügerische Gewissheit für dich konstruiert, dass du Socken immer in der ersten Schublade deiner massiv geschnitzten Kommode und Röcke in der zweiten finden wirst. Was aber, wenn Socken plötzlich nicht in dieser, sondern in jener Schublade liegen? Und Röcke nicht in jener, sondern in dieser? Wären auch rockende Socken vorstellbar? Und was verleiht dir eigentlich so viel Sicherheit, anzunehmen, dass du Socken als Socken und Röcke als Röcke nutzt. Und dass Socken nicht als Röcke und Röcke nicht als Socken genutzt werden können? Oh, nein. Verwirrung, Verwirrung, Unordnung, Chaos!

Schubladen bergen folglich keinen Raum für Überraschungen, für neue Intelligenz, für Fortschritt. Viele Menschen lieben aber den Fortschritt und die intelligenten Überraschungen, die stets – im weiten Zeitkontinuum – eintreten.

Deswegen ist es an der Zeit, sich von Schubladen zu verabschieden. Sich von der eigenen Bequemlichkeit zu verabschieden. Und neue Möglichkeiten der Erkenntnis zu suchen. Sich auf Neues einzulassen. Vielleicht auch mal hinter die Kommode zu schauen, ob da etwas liegt. Etwas Liebenswertes. Etwas einzigartig Schönes. Etwas, von dem man ahnte, dass es da sei und es jetzt endlich gefunden hat.

Sich folglich von diesen hölzernen Quadraturen zu verabschieden – das ist eine eigene, bewusste Entscheidung. Und alle Schubladen herauszuziehen und zu entsorgen dauert lange. Aber schon die erste Kommode ohne Schubladen ist bereits ein Quellort für neue Begegnungen, neue Erfahrungen, neues Potenzial. Aufregend! Probiert es mal aus …

Eure Alice von Parkdeck

Heute „Das Magische Theater“ haben unter anderem besucht: