Das Konzentrat – Gedanken zum Eröffnungsabend

Das Konzentrat

Über Zeit, ihre Verdichtung und meinen Platz darin.

Das Gefühl von Zeit. Es bestimmt meinen Alltag, meine Handlungen und Beobachtungen. Ich lebe in der Zeit, mit ihr, manchmal gegen und manchmal ohne sie. Zeit zum Schlafen, Zeit zum Essen, zum Denken, Formulieren, Atmen, Zeit für Schönes. Ich habe das Privileg, meine Zeit zum Leben und nicht nur zum Überleben zu nutzen. Manchmal fühlt sich das nach großer Verantwortung an. Was mache ich mit meiner Zeit? Tue ich das Richtige? Wieso kommt sie mir manchmal als Einheit so wichtig vor und manchmal ist sie ganz vergessen? Sehe ich sie als lineare Perlenschnur, auf die immer neue Momente aufgefädelt werden und an der ich mich nur vorwärts entlanghangeln kann, oder als eine Gleichzeitigkeit aller Momente? Ich glaube, dafür müssen wir alle eine eigene Antwort finden.

Die Frage nach der Zeit stellt sich mir nach dem gestrigen Vorstellungsabend. Was passiert, wenn einer Handlung ein enger zeitlicher Rahmen gesetzt wird? Wie zeige ich mich in meinen vielen Facetten und gleichzeitig in meinem Grundgedanken in ein paar wenigen Minuten auf der Bühne? Mich fasziniert das konzentrierte Geschehen, weil hier ganz bewusst mit den Grenzen der Zeit umgegangen werden muss. Die Zeit als Rahmen. Und in dem Rahmen eine Verdichtung von Inhalt.

Verdichtung. Dichtung. Durch Zeit zum körperlich performten Vorstellungsgedicht. Etwas Dichtes entwickelt gerade durch die Konzentriertheit seine Särke. Obwohl es komprimierter ist, oder gerade weil. Die Verdichtung hat etwas Kostbares, eine besondere Qualität. Perlen. Pralinen. Diamanten.

In der Verdichtung bleibt keine Zeit, um sich der Zeit bewusst zu werden. Die Momente, in denen ich wirklich aufmerksam anwesend und mit all meinen Sinnen investiert bin, haben zu dem Zeitpunkt ihres Geschehens keine Zeit. Das Einordnen in ein Zeitsystem fängt erst wieder an, wenn ich einen Schritt heraustrete und von einer Distanz (so winzig sie auch sein mag) aus beobachte. Wenn ich mehreres verbinde, wenn ich vergleiche, wenn ich aus dem Moment aussteige und meine Beurteilungen und Verurteilungen auf das Geschehen auflege, dann kann ich nicht mehr im Zeitlosen sein. Diese Distanz trennt mich und das im Jetzt Passierende hauchdünn voneinander. Und trotzdem ist alles um mich herum immer Teil von mir selbst, sowie ich Teil von allem bin. Ich glaube, ich kann alles gleichzeitig sein und es erscheint mir noch nicht einmal sehr paradox — wie auch im Traum eine Person sie selbst und eine andere gleichzeitig sein kann.

Manchmal füllt der Inhalt einen Rahmen so sehr aus, dass der Rahmen unwichtig wird. Dann steht die Essenz vor der Zeit und wirkt umso stärker. Verletzlichkeit, Scham und Angst. Fremdzuschreibungen, Wörter, Geräusche und gegenseitige Beobachtungen. Die Gruppe, das Individuum. Je kompakter, konzentrierter das Geschehen, desto einfacher ist es manchmal, sich selbst vollkommen dem Moment zu übergeben und das Neue aufzunehmen. Das Konzentrat kann ich mir im Nachhinein selber verdünnen, indem ich es in meinen Gedanken noch länger auskoste. Dann bestimme ich die Zeit und kann das Erlebte schlürfen, solange ich will.

Die Ensembles haben sich uns in einer verdichteten Form gezeigt, die jetzt Zeit hat, sich im Laufe des Festivals zu entfalten. Jede geteilte Minute hat das Potential, zu einer eigenen Zeit aufzublühen, zu einem Kennenlernen, Beisammensein, Beobachten oder Zeitvergessen.

Lisa