„Das ist wie Zauberei“

Mukdanin Daniel Phongpachith, aka Muk, über die Arbeit mit Jugendlichen, die Verbindung von Kampfkunst und Theater und die Suche nach sich selbst.

Redaktion: Arbeitest du viel mit Jugendlichen zusammen?

Muk: Immer wieder. Abgesehen vom Tanztreffen der Jugend gibt es ab und zu Projekte. Vor nicht allzu langer Zeit war ich in Bochum, da konnte ich im Jugendclub vom Schauspielhaus ein halbes Jahr mit Jugendlichen arbeiten, die waren zwischen 14 und 26 Jahren. Es waren also auch schon Erwachsene dabei. Die Arbeit war sehr breit gefächert, das macht mir sehr viel Spaß.

Was ist das Besondere an der Arbeit mit Jugendlichen?

Es ist besonders dadurch, dass jeder an einem anderen Punkt anfängt. Viele steigen gerade erst ins Theater ein, manche sind schon lange dabei. Diese Vermischung ist spannend. Diese junge Energie, die häufige Wechsel erlebt. Man ist nicht nur irgendwie „Wer“, sondern man sucht sich und findet sich und sucht sich wieder und findet sich. Es ist toll, gerade in diesen Momenten mit den Jugendlichen zu arbeiten. Außerdem bekommt man als Workshopleiter selbst sehr viel Input.

Meinst du, dass Tanz, Theater und Workshops bei dieser Suche behilflich sein können?

Ich denke schon. Es ist nicht supermodern, es ist eigentlich normal, dass man sehr viele Disziplinen vermischt. Das kommt dem Junggeist entgegen, weil die Jugendlichen genauso fühlen und handeln.

Foto: David Holdowanski

Sollte man starre Formen trotzdem erlernen?

Es ist gut, eine Basis zu schaffen. Beim Tanztreffen zum Beispiel: Da kommen Leute eher aus dem Street Style, haben HipHop-Allüren drin oder Waacking, schauen eben in diese Ecke. Und andere Leute kommen sehr aus dem Klassischen. Eine Basis ist eigentlich keine schlechte Idee, um sich danach wieder zu öffnen, um sich dadurch auch einen Stil zu bilden. Letztlich kann man alles vermischen. Aber eine Basis hilft, eine Linie zu fahren, die greifbar ist, weil alles zusammen sehr heftig sein kann.

Wie machst du das? Wie gehst du an einen Workshop ran? Du kennst die Teilnehmer nicht, du triffst sie in einem Raum und hast drei Stunden Zeit?

Eigentlich ertappe ich mich immer wieder neu, dass es ähnlich läuft, auch wenn ich andere Ideen habe, weil ich immer denke: „Ja, vielleicht kann man noch …“ Aber eigentlich passt es immer. Mir ist der Kontakt mit den Leuten wichtig. Es ist schön, wenn man die Chance hat, sie schon vorher zu sehen, wie sie leben, zum Beispiel hier auf dem Campus. Das ist super. Dann weiß man wenigsten schon, was auf einen zukommen könnte. Im Workshop können sie natürlich vollständig anders sein. Das ist auch gut so. Ich gebe ihnen dann eine Art Starter, so einen Zünder, und schaue, wie sie damit umgehen. Aber die Gruppe ist auch dafür verantwortlich, dass es fließt, angenommen und durchgekaut wird. Es ist nicht etwas, das ich aufschreiben kann. Als Erstes, als Zweites, als Drittes, weil das meistens nicht aufgeht, vor allem bei einem dreistündigen Workshop.

Foto: David Holdowanski

Wie wichtig ist bei deiner Arbeit diese Vermischung zwischen Tanz, Theater und Kampfsport?

Seitdem ich Theater mache, möchte ich herausfinden, wie man das verknüpfen kann. Zum Beispiel: Wie kann man einem Laien, der keine Berührungspunkte mit Kampfsport oder Kampfkünsten hat, dazu bringen, diese Qualität relativ schnell zu erlernen? Das ist ja auch paradox. Leute trainieren jahrelang, jahrzehntelang, um diesen Feinschliff zu bekommen. Die Genauigkeit, die Präzision und die Kraft. Natürlich wird sich das innerhalb von Tagen, Wochen, Monaten nicht so schnell erlernen lassen können. Aber man kann versuchen, bestimmte Tricks anzuwenden. Es ist so ähnlich wie bei der Kameraarbeit, da ist es noch einfacher. Das merkt man bei großen Blockbustern, dort werden alle so trainiert. Die Schauspieler bekommen innerhalb von Monaten den richtigen Schliff und dann die richtige Kamera. Und das ist fast schon wichtiger.
Wie kriegt man das dann auf der Theaterbühne hin? Das ist für mich die große Herausforderung. Kann man die Philosophie der Kampfkunst auch im Theater nutzen? Ruhe, Gelassenheit, Präzision, weniger Stress beim Auftritt. Trotzdem gleichzeitig genießen können. Aber auch diesen Schmerz aushalten zu können und daran ein bisschen Gefallen zu haben, wenn man sich anstrengt. Egal ob es die Aufregung ist oder das Stück, wie bleibt man trotzdem gelassen.

Gibt es für dich Unterschiede zwischen Theater, Tanz und Kampfkunst?

Ich glaube, es gibt einen gemeinsamen Kern. Da sind sie sich sehr ähnlich. In den Ausprägungen unterscheiden sie sich aber. Der Kampf ist oft funktionell. Das Tolle an Tanz, oder auch an der Kunst, ist, dass da alles Mögliche stattfinden kann.

Bist du lieber auf der Bühne oder im Publikum?

Das ist schwer. Beides ist schön. Auf der Bühne bin ich gerne, vor der Bühne aber auch. Es gibt noch eine dritte Sache, die Arbeit an einem Stück. Man weiß noch gar nicht, ob es überhaupt auf die Bühne kommt. Der Bühnenmoment wäre natürlich ein toller Abschluss. Das Sahnehäubchen. Das genieße ich dann auch. Das Zuschauen ist eine Weiterbildung.

Was bedeutet für dich Suche?

Man ist immer wieder auf der Suche. Aber es ist auch immer wieder ein Finden. Suche hat für mich so ein bisschen diese Ansicht, dass man nicht findet. Ich habe gelernt, dass ich es auch mal sehr gut finden kann, wenn ich nicht genau weiß, was passieren wird. Ich versuche dann, in dem Moment wo es da ist, mich einfach zurechtzufinden. Viele Sachen ergeben sich einfach, wenn man sie will, wie von selbst. Das ist wie Zauberei.


Fotos: Dave Großmann
Video: David Holdowanski