Das Höllentor zum Berghain

Unsere FZ-Redaktions-Gruppen-Rezension zur letzten Aufführung des diesjährigen TTJs.

Schaja: Das Thema war ja, dass sie es nicht schaffen, Orpheus und Eurydike zu inszenieren. Restaurante-Pizza-Werbung, Coppenrath&Wiese-Werbemusik, über App kennengelernt – das habe ich mir währenddessen notiert.

Undine: Es scheitert ja nicht nur daran, dass Orpheus nicht da ist, sondern dass das Haus ihnen keine richtige Bühne zur Verfügung gestellt hat. Sie werden als Jugendclub in der Institution Theater/Oper zu wenig wahrgenommen. Und das ist ja meistens das Problem der Jugendclubs, dass sie nur nebenbei laufen müssen. Deshalb wars auch witzig.

Farukh: Es ist auch interessant, dass sie Bezug auf das vorherige Stück nehmen.

Undine: Die Kostüme erinnern an Opern und Cancan-Stil, finde ich.

Sophie: Ja genau, oder so Rocky Horror Picture Show von den Kostüme her, mit dem Cancan Tanz und dem ganzen Drag-Stil.

Undine: Ich fands auch stark, dass sie – dadurch, dass alles zum Scheitern verurteilt war – die Story „umgedreht“ haben. Also dass nicht Orpheus alles gemacht hat, sondern das Eurydike den Weg gehen muss. Oder muss sie das im Original auch?

Philipp: Das muss sie ja dort auch.

Schaja: Das Höllentor zum Berghain fand ich richtig toll.

Undine: Und dass sie die vierte Wand durchbrochen haben, indem sie unter die Bühne gegangen sind.

Philipp: Also in die Unterwelt.

Schaja: Und da hat die eine ihre Mutter gesehen.

Sophie: Das war ja ein Witz.

Schaja: Klar, außer sie kennt die Beine ihrer Mutter sehr sehr gut.

Undine: Die Musik war ja weniger Opernstyle, als viel mehr Musical, dadurch dass ja moderne Elemente wie Rap und Beatbox mit reingenommen wurden. Beatboxen ist ja auch in der Musicalszene noch nicht lange anerkannt.

Schaja: Ich fands schön, dass das authentisch dargestellt wurde. Sie waren selbstreflexiv, indem sie immer wieder betonten: Das ist jetzt ziemlich kitschig, sorry.

Felipa: Sie überziehen das alles mit diesem Ironie-Zuckerguss.

Rudi (Gast): Am besten fand ich am Anfang, dass sie Modernisierungsversuche von alten Stoffen, also hier Orpheus an sich, aufs Korn genommen haben.

Dave (Foto): Macht ihr das wirklich grad? Jeder ein Satz? (Dave nimmt erstmal einen großen Schluck)

Schaja: Ich hätte mir nie vorgestellt, dass die Hölle als so geiler Club gezeigt werden kann. Da wär ich auch reingegangen.

Feilpa: Ich mochte dieses buchstäbliche „Wir gehen in die Unterwelt.“ Liegt ja eigentlich nahe, dass man dann unter die Bühne geht. Aber dann hat sichs irgendwie verlaufen.

Miriam: Ja, es war so schnell vorbei. Ich war so „Hä? Hab ich jetzt alles verschlafen?“

Laura: Ich sag was zum Humor. Mir hat sehr gefallen, dass mich kein versuchter Witz genervt hat. Sondern ich musste lachen, als sie versucht haben, mich zum Lachen zu bringen.

Felipa: Ich liebe den ironischen Spagat.

Sophie: Ich habe vom ersten Lied an nur noch gelacht.

Undine: Text war super, der war richtig geil.

Philipp: Haben die absichtlich falsch gesungen?

Undine: Ich fand für das, was sie musikalisch in der Gruppe umsetzen wollten, hats gestimmt. Klar wars nicht immer sauber, gerade in den dreistimmigen Stellen, das hat mich aber wegen der latenten Ironie nie wirklich gestört. Ging euch das auch so?

Laura: Ich habs manchmal akustisch nicht ganz verstanden.

Sophie: Vielleicht sind die eine kleinere Bühnen gewöhnt.

Undine: In den Gruppenszenen hab ich sie aber super verstanden. Und das ist echt nicht leicht, chorisch sauber zu sprechen.

Dave: Und ein schöner Einstieg. Man war so unvermittelt drin.

Felipa: Was ich wirklich wirklich beeindruckend fand, war, dass sie wirklich mit dem Bühnenbild gearbeitet haben, was schon da war. Sowohl von den Wortwitzen her, als auch vom Licht. Deshalb war das auch so lustig.

Undine: Ich fand die Perücken so cool. Eurydike, als Perücke, hat ja auch nie nach hinten geschaut, sich nie wirklich umgedreht.

 

Felipa: Ja, und die Riesen-Eurydike war genial.

Schaja: Können wir noch was Kritisches sagen?

Rudi: Das Stück verlässt nie die unendliche Spielkammer der Ironie, sondern ergötzt sich an tausendfachen Metabrüchen. Fands trotzdem lolig.

Felipa: Und hinter diesem ganzen lustigen Metazeug war dann noch ne richtige Handlung. Die war aber sehr klein. Ich hätte es vielleicht besser gefunden, wenn da nur eine Ebene gewesen wäre.

Farukh: Den Schluss fand ich etwas unvermittelt. Man hätte es auch gerne länger machen können, ohne dass es länger wirkt.

Laura: Ja, warum war es eigentlich so abrupt vorbei?

Sophie: Weil Orpheus sich ja umdreht, dadurch ist der Versuch sie zurückzuholen gescheitert. Schluss aus.

Laura: Ich fand die Rollen alle sehr homogen. Vielleicht hätte ein wenig Persönlichkeit zusätzliche Würze gebracht.

Undine: In der Oper gibts das auch nicht. Da ist alle nur Show.

Rudi: Die singen ja auch nur 20 Minuten lang „Ich will dich.“

Philipp: Oder als Tristan stirbt: „Stirb nicht – Doch ich sterbe – Nein, tus nicht“

Sophie: Das war ja auch eher die Überspitzung des Orpheus-Stoffes. So stark sind da die Charaktere auch nicht. Ich bin ziemlich begeistert, dass sie zwar dauernd die Grenzen des Jugendclubs gezeigt, aber dann immer wieder neue Ausdrucksformen gefunden haben. Einfach gut.