DAS GENDER_DING:
WER SCHREIBT SCHON SEINE
EIGENE GESCHICHTE?

von Lydia Dimitrow

Vielleicht ist es für ein Jugentheaterfestival bezeichnend, dass ausgerechnet das Eröffnungsstück „das gender_ding“ heißt, wo doch das Gender-Ding schon seit Jahren als Thema durchs ttj wabert, immer an Fragen nach Identität, Macht und den eigenen Körper geknüpft. Eben an solche Fragen, die die Jugend ausmachen, weil sie sich in der Jugend zum ersten Mal stellen.

Für die Neuen Sterne aus Hamburg ist das Gender-Ding untrennbar an Gewalt und Unterdrückung gekoppelt. So wird gleich zu Beginn des Stücks klar, dass es bei dieser Produktion um etwas Anderes geht als um Queer Theory: „Natürlich darfst Du Deiner Schwester Tipps geben, Ali“, heißt es da, „aber warum schlägst du sie denn auch noch?“ Das Hajusom-Nachwuchsensemble rückt den Gender-Begriff gezielt in ihren ganz eigenen Fokus und erzählt, was Rollenbilder in ihren Herkunftsländern bedeuten: „Männer sind auch nicht frei“, sagt ein Spieler, „die müssen in den Krieg.“ Und an anderer Stelle: „Ich bin ein Mann, ein Mann verlässt sein Land nicht. Ich muss hier bleiben und kämpfen. Wenn ich eine Frau wäre, würde ich gehen, aber so… Ich liebe mein Land.“

Wenn die Schatten der Spieler*innen über den eisernen Vorhang gleiten, dessen Vertiefungen an Gitterstäbe erinnern, dann erscheint die Bühne als das Gefängnis, das Geschlechterrollen für diese Figuren bedeuten. Ein Spieler sagt zwar: „In meinem Herzen schreibt jeder seine eigene Geschichte“, aber tatsächlich trifft in diesem Stück viel mehr das zu, was er über den Jungen in seiner Klasse erzählt, der anders war als alle anderen: „Da haben die anderen seine Geschichte geschrieben.“

Die Hamburger erzählen von Angst, von Grenzen und Ohnmacht. Sie tanzen in Strumpfhosen, singen, rappen, verflechten Slapstick mit intimen Monologen, heulen wie Schlosshunde und zeigen uns den Stinkefinger. Dabei ist nicht immer genug Raum für den dramaturgischen Bogen. Immer wieder holpert der Rhythmus des Abends von einer zarten Sanftheit (wenn zwei Spieler Arm in Arm von der Bühne gehen) in einen brüsken Pragmatismus (wenn mal wieder die Projektionswand rangeschafft werden muss). Immer wieder gibt es Bilder, die sich nicht erschließen. So zum Beispiel, wenn zum Schluss alle Spielerinnen Trainingshose, Hemd und Glitzerkrawatte tragen, bis auf eine, die in Jeans und Karohemd merkwürdig abseits steht und sich erst langsam zum Schlussbild annähert. Oder wenn der von einer Spielerin verkörperte Mann ohne Unterlass deklariert: „Mir reicht’s! Ich hab es bis hier!“ Und man sich trotz der Inbrunst fragt: Was genau eigentlich?

Dass das ganze als Stück dennoch funktioniert und vermutlich niemanden unberührt zurücklässt, ist zu einem großen Teil der Musik zu verdanken, die die Inszenierung mit großer Eindringlichkeit durch den Abend trägt. So hat man kaum Lust, im Dunkeln auf den Flyer mit der Übersetzung zu kneisten, den die Spieler*innen austeilen, damit man dem Rap auf Farsi am Ende auch inhaltlich folgen kann, denn mit diesem Song entfaltet das Ensemble eine geballte Kraft, die auch ohne die für jeden verständlichen Worte auskommt.

Ansonsten wird die musikalische Ebene an diesem Abend mit unglaublicher Leichtigkeit von Derya Yildirim ausgefüllt, die mit ihrer Langhalslaute die wohl schönste Version von „Big in Japan“ präsentiert, die es je gegeben hat. Der Song stammt von Alphaville aus dem Jahr 1984, klingt im Stück aber nach der Cover-Version von Ana Brun. Er erzählt von der Sehnsucht nach einem anderen, nach einem besseren Leben, das man vielleicht, vielleicht sogar ohne es zu wissen, anderswo, in einem fernen Land, auch hat – oder haben könnte: „It’s easy when you’re big in Japan.“ In ihrer traurigen Zartheit wird Deryas Interpretation dieses Sehnsuchtslieds zum Soundtrack des Stücks, in dem eine Welt gezeigt wird, die mehr Grenzen aufweist als Weiten, und in der die Hoffnung sich höchstens zwischen den Wolken versteckt: „Wenn ich in den Himmel sehe, dann sind wir zusammen, da, wo die Tauben fliegen.“

„Das gender_ding“ ist eine Bestandsaufnahme. Der eigenen Gefühle, der eigenen Eindrücke, der eigenen Erfahrungen. Eine Bestandsaufnahme und ein Austesten: Wie fühlt es sich an, als das andere Geschlecht verkleidet zu sein? Was aber ausbleibt, ist die Frage: Woher kommen die Bilder von Männern und Frauen, die wir haben? Wie werden Geschlechterrollen konstruiert? Ein Spieler erklärt am Anfang, dass Strumpfhosen doch unbequem seien. Es sei doch komisch, dass Frauen so etwas tragen: „Ich weiß gar nicht, warum die anderen das machen, die Frauen …“ Vielleicht ist aber genau das die Frage, zu der es noch mehr zu erzählen gibt.

Foto: Dave Großmann